Schwierigkeiten bei Textinterpretationen

Am Beispiel von Diogenes Laertios

Vorwort

Das, was in der Philosophie vielen Leuten die meiste Freude bereitet, ist, die eigenen Gedanken zu Papier zu bringen und somit dem Rest der Welt zugänglich zu machen. So kommt es, dass wir heute auf eine große Zahl philosophischer Schriftwerke blicken können, verfasst von den unterschiedlichsten Menschen, über die unterschiedlichsten Themen und aus unterschiedlichsten Umständen heraus.

Doch so wundervoll das auch ist, so schwierig ist es gerade aufgrund dieser Unterschiedlichkeiten, einen Text genau im Sinne des Autors zu verstehen. Vor allem, wenn die Umstände des Verfassers kaum den eigenen entsprechen, ist ein Verständnis auf voller Linie geradezu unmöglich. Nehmen wir an, ich möchte einem Text eine Aussage entnehmen, der Jahrtausende vor meiner Zeit, in einem anderen Land, in einem anderen Kulturkreis, in einer Originalsprache, derer ich nicht mächtig bin, und eventuell noch dazu in einem starken Dialekt verfasst worden ist. Dann, so denke ich, ist es nicht allzu unwahrscheinlich, dass der Gedanke, den man dem Text entnehmen möchte, vom Gedanken, den der Autor ursprünglich damit übermitteln wollte, wenigstens ein bisschen variiert.

Dieser Umstand ist mir im Rahmen des Seminars zu hellenistischer Philosophie bewusst geworden, weswegen ich ihn zum Gegenstand dieser Arbeit gewählt habe. Im Folgenden möchte ich daher meine Überlegungen zum Thema Textinterpretation entwickeln und erläutern.

Als Allererstes muss natürlich geklärt werden, wie solch sprachliche Missverständnisse überhaupt entstehen können. Dazu werde ich anhand einiger Alltagsbeispiele mögliche Ursachen anführen. Ansatzweise habe ich ein paar der Gründe bereits erwähnt, Übersetzungen können welche davon sein. Danach mache ich die erheblich größere Schwierigkeit beim Verstehen eines schriftlichen und historischen Textes im Vergleich zu einem Gespräch zwischen zwei lebendigen Personen deutlich. Der nächste Punkt hebt philosophische Texte gesondert heraus, da gerade auf diesem Gebiet die Sprache eine enorme Schlüsselrolle einnimmt. Es ist bekannt, dass beispielsweise ein und dasselbe Wort von verschiedenen philosophischen Richtungen in komplett verschiedener Bedeutung gebraucht wird, weshalb es gilt, besondere Vorsicht walten zu lassen. Anschließend komme ich zu dem Beispiel, an welchem ich diese ganzen Missverständnisse aufzeige, nämlich Diogenes Laertios‘ Bericht über die Stoiker. Hierfür gleiche ich zwei verschiedene Übersetzungen desselben Originaltextes miteinander ab, zeige wörtliche Unterschiede und davon abhängige Interpretationsmöglichkeiten auf. Am Ende wird sich die Breite des Spektrums an Optionen auftun, wodurch die Deutungsweise, für die man sich letztlich entscheidet, viel durch subjektive Präferenz bestimmt wird. Dieses Letzte, die subjektive Präferenz des Lesers, greife ich in meinem letzten inhaltlichen Abschnitt auf, in welchem ich die Bedingungen für eine perfekte Interpretation skizziere. Mein Fazit bedenkt nochmals die Schwierigkeit einer lupenreinen Deutung, macht aber gleichzeitig klar, dass man für weiterführende philosophische Arbeiten einen Konsens über die Grundaussagen gewisser Texte braucht, da man ansonsten sich nicht von der sprachlichen Ebene zur inhaltlichen Diskussion weiterbewegen könnte.


Voraussetzungen zur Entwicklung Problems

Um die Intention der Arbeit und meine Überlegung gut zu verstehen, ist es notwendig, dass ich zur eigentlichen Untersuchung über einige basale Umstände hinführe. So möchte ich zuerst einfache sprachliche Verständnisprobleme darlegen, diese dann erstens auf Schriftsprache präzisieren und zweitens in historischen und darüber hinaus philosophischen Texten münden lassen.


Mögliche Gründe für das Entstehen sprachlicher Missverständnisse

Ich reiße in diesem Abschnitt nur einige der vielzähligen Ursachen an, aus welchen es zu sprachlichen Missverständnissen kommen mag. Dafür verwende ich einige Beispiele, über die ich innerhalb meines eigenen Alltags gestolpert bin und die hier eventuell etwas unpassend erscheinen. Ich möchte dadurch aber nur die Allgegenwärtigkeit des Themas verdeutlichen.

Einer der Gründe, aus dem sich Menschen vielleicht nicht sofort verstehen, ist die Doppeldeutigkeit mancher Worte. Um nur ein Beispiel zu nennen, nehmen wir hier das Wort blau. Im normalen Sprachgebrauch bezeichnet dieses Wort vor allem eine gewisse Farbe. Die einzelnen Farbtöne werden durch Attribute noch unterschieden, so begreift man die Differenz zwischen babyblau und marineblau sofort, es ist hierbei von unterschiedlichen Schattierungen einer gewissen Farbe die Rede, klarer Fall, und das wird auch niemand bestreiten, der des Deutschen mächtig ist. Sobald wir das Wörtchen allerdings alleine und ohne spezifizierende Präfixe hören oder lesen, ist damit in der Umgangssprache unter Umständen ein komplett anderer Sachverhalt gemeint. Im Vulgärdeutsch wird mit blau auch ein Mensch in alkoholisiertem Zustand beschrieben.

Denken wir uns also folgendes Szenario: Person A sagt zu Person B: „Sieh mal, da drüben!“ Person B: „Ja, der ist gut blau!“ Person A: „Nicht wahr? Der würde doch schön in die Garderobe neben das Schuhregal passen.“ Person B: „Bitte?! Den würde ich nicht einmal nüchtern in den Vorgarten lassen!“ Das evidente Problem bei diesem Dialog ist, dass Person A von einem Schemel und Person B von einer stark angetrunkenen Person C sprach, und sich beide Entitäten an benachbarten Orten („da drüben“) aufgehalten haben. Dieses und ähnliches Konfliktpotential steckt also in doppeldeutigen Worten.

Ein anderer Grund für Streit können Übersetzungen darstellen. Bleiben wir bei unserem Beispielwort, blau. Im Englischen blue, bedeutet es im ersten Sinne genau das Gleiche wie im Deutschen, es bezeichnet nämlich eine bestimmte Farbe und ist von daher erst einmal gut zu merken und leicht von einer in die andere Sprache zu übersetzen. Nun kommt aber auch da eine zweite, von der ersten sehr verschiedene Bedeutung hinzu, nämlich traurig. Eine blue person ist entweder mit blauer Farbe angemalt oder in einer traurigen Stimmung. Ist dieser gravierende Unterschied durch den Kontext nicht deutlich erkennbar, so macht es das einem nicht einfach, das adäquate Wort für die Übersetzung ins Deutsche zu finden. Aus einem schönen blauen Vorhang wird womöglich einer, der mindestens metaphorisch bedrückte Stimmung verbreitet. Derartigen Fehldeutungen ist nicht leicht vorzubeugen, man müsste dafür wohl mit dem Urheber selbst Rücksprache halten, um keine verfälschten Übersetzungen zu verfassen – was bei noch lebendigen Autoren ein Leichtes, bei verstorbenen allerdings ein undenkbares Unterfangen sein kann.

Ein weiteres Motiv für das Entstehen solcher Fehler mag auch ein allzu großer zeitlicher Abstand zwischen Verfasser und Leser sein, sodass sich die Bedeutung des betreffenden Wortes inzwischen geändert hat, der Leser im Fall der Fälle die damals gebräuchliche nicht kennt, deshalb die moderne Bedeutung appliziert und damit den Satz seines ursprünglichen Sinnes beraubt. Das Adjektiv toll fällt unter diese Kategorie. Vor etwa 70 Jahren noch, zu Zeiten der Kindheit meiner Oma, bedeutete toll etwa dasselbe wie verrückt. Inzwischen hat sich bekannterweise die Bedeutung sehr verschoben, man könnte fast sagen, bis ins Gegenteil: Heutzutage ist eine tolle Sache eine gute, wunderbare, schöne Sache. Dadurch ergibt sich ab und zu ein komisches Erstaunen, wenn eine Person, welche ganz offensichtlich nicht bei Sinnen ist, in älteren Texten mit toll bezeichnet wird, und dieser Umstand beim unkundigen Leser eher den Eindruck eines ironischen Stilmittels erweckt.

Doch nicht nur zeitliche Abstände können ein Fehlerrisiko beherbergen, auch örtliche können bei einzelnen Worten die Bedeutung erheblich verfälschen. So ist in der oberbayerischen Jugendsprache ein dichter Mensch ein alkoholisierter, in Hessen hingegen bedeutet dicht sein, durch den Konsum von Cannabis berauscht zu sein.

Besondere Probleme historischer und schriftlicher Texte

Blicken wir zurück auf die unter Punkt 2 aufgezählten Kommunikationshürden, so stellen wir fest: Jedes einzelne dieser Probleme kann in Sekundenschnelle mündlich geklärt werden. Sobald man meint, einem Missverständnis zu erliegen, fragt man den Gesprächspartner, sodass die einzelnen Worte erneut definiert und der Aussage die korrekte Bedeutung zugesprochen werden kann. In der schriftlichen Kommunikation ist es um Einiges komplizierter, solchen sprachlichen Verwirrungen aus dem Weg zu gehen.

Unsere moderne, digitalisierte Welt gibt uns immerhin schon einen großen Vorteil, insofern als durch das Internet und soziale Medien die sekundenschnelle Nachfrage und Berichtigung fragwürdiger Nachrichten erleichtert wurde. Aber dennoch fehlen im Gegensatz zum leibhaftigen Gegenüber bei der Schriftsprache essentielle Aspekte wie Tonfall, Gestik, Mimik, welche teilweise einen großen Teil der eigentlichen Aussage ausmachen.

Der Ausdruck hm kann auf vier verschiedene Weisen interpretiert werden und somit eine Negation, eine Affirmation, Unentschlossenheit oder sogar eine anzügliche Bemerkung sein. Welche dieser Bedeutungen in jedem konkreten Fall nun zutreffen soll, hängt ganz von der Betonung ab. Ein schriftliches hm ist also wenig aufschlussreich, allein in der mündlichen Kommunikation gelingt ihm eine unverwechselbare Aussage darzustellen.

Selbst heutzutage ist schriftliche Informationsübermittlung problematisch, aber noch schwieriger ist das Nachvollziehen der Aussagen, die von Menschen aus anderen Epochen niedergeschrieben wurden. Bei solchen muss man sich komplett auf das Niedergeschriebene verlassen und dazu auf die eigene Fähigkeit, den Text auch so zu verstehen, wie er gemeint ist. Wenn man die Information dann sinngemäß dem Werk entnommen hat, so kann man außerdem ausschließlich auf den Autor selbst hoffen, dass die Tatsachen, die dieser beschreibt, auch damals so und so passiert sind, da oft genug nur einzelne Schriften zu gewissen Sachverhalten erhalten sind und sich die Fakten daher nicht abgleichen lassen.

Gerade aus der Antike sind viele Texte erhalten, von denen einige jedoch nur Nacherzählungen sind. So hat auch Diogenes Laertios versucht, so detailliert wie nur möglich die Gedanken der stoischen Philosophie wiederzugeben. Abgesehen von wenigen Fragmenten anderer antiker Gelehrter ist das die reichhaltigste Quelle in Sachen Stoa, die uns noch erhalten blieben ist. Da genau dieser Text Kern meiner Untersuchungen ist, werde ich weiter unten genauer darauf eingehen.

Was aber an dieser Stelle klarer werden soll, ist, dass die Autoren selbst teilweise nur die Überlegungen anderer reproduzierten. Wir haben also für eine gute Interpretation mit folgenden Hindernissen zu kämpfen: Der Autor kannte die Gedanken und die Menschen, die jene gedacht hatten, nur durch mündliche Überlieferung über Jahrzehnte und Jahrhunderte, die Originalsprache wird von keinem lebenden Menschen noch perfekt beherrscht, es kommt also noch eine Übersetzung hinzu, und zu guter Letzt hat der Verfasser in einer komplett anderen Kultur gelebt. Es ist also durchaus angebracht, an der klaren Aussage einer alten Schrift zu zweifeln.

Erschwertes Verständnis durch philosophische Begriffe

Zu allem Überdruss haben sich einige vergangene Philosophen ihre ganz eigenen Begriffe ausgedacht und in ihren Werken diese dann unter ihrer eigenen Definition konsequent benutzt. Um beispielsweise Ludwig Wittgensteins „tractatus logicus – philosophicus“ verstehen zu wollen, muss man sich ein ganz neues Bild vom Wort Sachverhalt machen.

Während im Alltag ein Sachverhalt schlicht den Kern einer Aussage oder eine gewisse Situation und deren Umstände beschreiben will, so bedeutet ein Sachverhalt für Wittgenstein im Kontext des besagten Buches etwas viel Spezifischeres. Seiner Meinung nach setzen sich Sachverhalte aus Gegenständen zusammen und jene wiederum bilden gemeinsam die Tatsachen, aus welchen die Welt, also unsere Wirklichkeit besteht. Wenn man sich intensiv mit dieser Arbeit auseinandersetzt, so hat man mit einiger Anstrengung vielleicht ein Bild davon, was Wittgenstein damit meint.

Aber durch diese extreme Spezifizierung einer Wortbedeutung können Unwissende schnell in die Falle tappen und das im Aufsatz unschuldig verwendete Wort Sachverhalt wird vom Kenner als komplett unpassend erkannt. Dabei ist natürlich ein gewisses Hintergrundwissen von Vorteil, auch muss man sich mit dem Fachvokabular des Themengebietes und des Philosophen, über welche man schreibt, gut genug auskennen, um derartige Fehler zu vermeiden. Eben das ist bei philosophischen Textarbeiten noch wichtiger als in anderen Fächern, da man hier diese krassen Bedeutungsunterschiede hat, die man unter Umständen nur mit etwas Vorwissen bemerken und berücksichtigen kann.

Wie ich in einem Seminar erfahre habe, hat Wittgenstein noch zu Lebzeiten eine klare Definition des Begriffs Sachverhalt abgegrenzt, obwohl die meisten sich heutzutage auf eine davon verschiedene Erläuterung berufen. In diesem Fall ist es von Vorteil, dass der Autor selbst zur Zeit dieser Diskussion noch am Leben war, anders ist es da schon bei den alten Griechen, die zu allem Übel nicht mehr zu ihren eigentlichen Meinungen befragt werden können.

Der gerade genannte Punkt entspricht dem Doppeldeutigkeits-Fehler, den ich eingangs ausführlicher erläutert habe. Ein weiteres, besonders in der klassischen Philosophie erschwerendes Hindernis beim Interpretieren, ist das weite, vom Kontext abhängige Feld an Bedeutungen für ein einziges Wort. Dieses Problem entsteht vor allem bei Übersetzungen eines altgriechischen Originaltextes. So passiert es nicht selten, dass der Dozent während der Textanalyse diese Wahl rechtfertigen muss. Meistens geschieht derlei dann aus dem Kontext heraus; griechisch „x“ muss hier deutsch „y“ heißen, weil es in diesem Satz um „z“ geht, andere mögliche Bedeutungen hier also keinen Sinn ergäben.

Verdeutlichung des Problems an Diogenes Laertios‘ „Buch 7, Zenon“

Nun haben wir ausgewählte Obstakel kennengelernt, die uns bei der Interpretation eines historischen und noch dazu philosophischen Textes begegnen. Wie oben bereits erwähnt wende ich mich nun dem Kernstück der Arbeit zu. Um die Abschnitte 85-86 aus Diogenes Laertios‘ „Buch 7, Zenon“ näher zu analysieren, verwende ich zwei verschiedene Übersetzungen, die ich gegeneinander aufstelle, um zuerst die grobe Aussage zu fassen, die bei beiden Varianten sich auf den ersten Blick sehr ähnelt.

Danach weise ich auf die einzelnen wörtlichen Verschiedenheiten hin, welche Interpretationsmöglichkeiten sich dadurch auftun, und, wenn man die Extreme miteinander abgleicht, wie verschieden auch das letztendliche Ergebnis sein kann.

Ähnlichkeiten der zwei Übersetzungen

Der Textabschnitt, den ich hier genauer betrachte, ist im Original er von Diogenes Laertios in Altgriechisch geschrieben worden, für meine Arbeit vergleiche ich die deutsche Übersetzung einer Reclam-Ausgabe mit der von Long und Sedley. Der Einfachheit halber werde ich Ersteres als Reclam und Zweiteres als Long bezeichnen. Der Text handelt grob gesagt von der Meinung der Stoiker in Hinblick auf die Beziehung zwischen Lebewesen und Natur, oder dem naturgemäßen Leben.

Dabei gehen sie davon aus, dass die Natur einem jedem Geschöpf die Fähigkeit gegeben hat, das für dieses Essentielle als solches zu erkennen hat. Davon ausgehend wissen die Wesen, egal ob Pflanze oder Tier, wie sie sich zu verhalten haben, bzw. die Natur selbst leitet ihr Verhalten an, welches immer dem Selbsterhalt dient. Zusätzlich dazu haben vernunftbegabte Wesen die Vernunft, welche dafür sorgt, dass ihr Verhalten naturgemäß ist.

Diese Kernaussage ist jetzt offensichtlich auch nur eine Interpretation meinerseits, aber anders ist das in diesem Rahmen nicht möglich. Ich möchte darauf hinaus, dass man auf den ersten Blick beiden Übersetzungen eine im Grunde ähnlich anmutende Interpretation entziehen kann, wie ich es eben getan habe.

So ist das mit den meisten Texten, sodass sich wenige Autoren oder Herausgeber die Mühe machen, für jedes ursprünglich griechische Wort eine Erklärung abzugeben, weshalb man nun gerade diese deutsche Bedeutung gewählt hat und nicht eine andere der vielen möglichen.

Dennoch ist es interessant zu sehen, was passiert, wenn man einmal die tatsächlichen Unterschiede aufdeckt und die daraus entstehenden Interpretationsmöglichkeiten weiterspinnt. Es kommen extreme Bedeutungsverschiebungen zustande.

Tatsächliche Unterschiede beider Versionen

Nun kommen wir zu den Details, den kleinen Wörtchen, die verheerende Folgen haben können, wenn man ihnen nur genug Bedeutung zumisst. Wenden wir uns zuerst einem Teil des Fragments zu, der sich um die Lust dreht. Zuerst möchte ich Reclam eingehender betrachten und Wort für Wort den Sinn auseinanderklamüsern.

Reclam – Version

„Wenn einige aber behaupten, der erste Trieb der Lebewesen ziele auf Lust, so wird das von den Stoikern falsifiziert, die sagen, die Lust sei, wenn sie denn existiert, etwas Akzessorisches, das immer folgt, sooft die Natur für sich selbst das Bedürfnis nach dem ihrer Konstitution Angemessenem befriedigt.“

Diesen Abschnitt verstehe ich nun folgendermaßen. Es gab zur Zeit der Stoiker Menschen, die die Meinung vertraten, ein jedes Lebewesen sei primär auf Lustempfindungen aus, tue dem nach alles, was in seiner Macht steht, um sich lustvolle Gefühle zu haben. Die Stoiker selbst jedoch waren nicht dieser sondern gegenteiliger Meinung. Sie gingen davon aus, dass eine Lustempfindung, deren bloße Existenz wohl darüber hinaus zum Zweifel stünde, etwas rein Nebensächliches sei, das dann entstünde, wenn die betreffende Kreatur sich das angeeignet habe, was sie naturgemäß brauche.

Die Lust als solche ist also kein erstrangiges Ziel, sondern nur die Nebenwirkung. Wenn ein Frosch Fliegen fängt, dann geschieht das nicht, weil es ihm Spaß machen würde, sondern weil er es auf naturgegebene Weise zum Überleben tut. Eventuell macht es ihm schlussendlich Spaß, nur ist das eben nicht der ausschlaggebende Grund für sein Handeln. Hier sind die Stoiker also pragmatisch veranlagt, die Wesen tun, was getan werden muss, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie es von der Natur so vorgegeben bekommen. Sehen wir uns im Vergleich die Interpretation Longs an.

Long – Version

„Sie halten ausdrücklich für falsch, was manche sagen, daß die Lust, wenn sie denn auftritt, ein Nebenprodukt ist, das dann entsteht, wenn die Natur ganz von sich aus das ausgesucht und angeeignet hat, was für ihre Konstitution erforderlich [ist.]“

Es behaupten also einige, die Lust, deren Erscheinen hier ebenfalls in Zweifel gezogen wird, sei etwas Nebensächliches. Sie entstünde dann, wenn sich die Natur etwas angeeignet habe. Nur, was genau man unter „von sich aus das ausgesucht und angeeignet hat“ verstehen soll, ist mir etwas unklar geblieben. Bedeutet das so etwas wie, die Natur sieht eine Fliege, sucht sie demnach für den Frosch aus, und sobald der Frosch die Fliege vertilgt hat, entsteht Lust, weil alles im Sinne der Natur ausgesucht und sich angeeignet worden ist und die Konstitution des Frosches nun mal nach Fliegen verlangt…? Auf die Frage, was die Natur unter Berücksichtigung dieses Satzes für die Stoiker wohl bedeutet haben mag und ihre Ähnlichkeit zu einem Gotteswesen, komme ich später noch zurück.

Jetzt bleiben wir erst einmal bei der Lust. All das, was ich bisher für diese Version interpretiert habe, gilt als Meinung der anderen, der Nicht-Stoiker, die es zu jener Zeit wohl auch gegeben haben muss. Die Stoiker selbst nämlich, „…halten [diese Theorie] ausdrücklich für falsch […].“ Die Lust ist also kein Nebenprodukt, nichts Nebensächliches, nein, sie halten es ausdrücklich für falsch. Das bedeutet, dass die Aussage dieser Version im direkten Widerspruch zur anderen steht.

Gegenteilige Interpretationsmöglichkeiten

Die jetzige Aufgabe ist es, zu erkennen, wodurch dieser Gegensatz entsteht. Immerhin ist ein Großteil des Satzes in beiden Versionen gleich, die offensichtliche Aussage betreffend. Der Unterschied besteht nun darin, dass den Stoikern einmal die Meinung, Lust sei etwas Nebensächliches, und einmal die, dass sie gerade das falsifizieren wollen, zugesprochen wird.

Ich glaube, hier ist die richtige Satzstruktur essentiell. Der Inhalt ist jedes Mal der gleiche, nur die Reihenfolge und damit die Bedeutung verändert sich. Spinnen wir den interpretatorischen Gedanken von Long weiter, dann bekommen wir zumindest in diesem Text keinen alternativen Lösungsvorschlag, was einen möglichen Entstehungsgrund der Lust betrifft.

Das Einzige, was hier ausgesagt wird, ist, dass die Lust eben keine Nebensache ist. Aber dass man etwas ausdrücklich verneint, bedeutet wohl kaum in jedem Fall, dass man automatisch das Gegenteil bejaht. Wir wissen also, was die Stoiker nicht meinen oder nicht glauben zu wissen. Was aber ihre tatsächliche Meinung zur Sachlage ist, bleibt völlig offen wie der Sternenhimmel in einer wolkenlosen Nacht über dem Meer.

Jedenfalls auf den ersten Blick bleibt uns dieser Eindruck. Im Gegensatz dazu wollen wir noch einmal zurück zu Reclam blicken.

Hier wird die Lust eindeutig auf einen klaren Patz verwiesen. Am Beispiel des Frosches, der die Fliegen aus der Luft fischt, sehen wir, dass eben das von der Natur vorgegebene Verhalten seinen einzigen Handlungsgrund ausmacht. Der Frosch fängt Fliegen, weil diese sein Überleben sichern, welches die Stoiker in jeder Version übrigens als allerersten Handlungstrieb eines Lebewesens definiert haben, und nicht um sich zu vergnügen.

In der Interpretation, welche uns Reclam vorgibt, gibt es demnach keine offenen Fragen oder logische Lücken, gegensätzlich zu Long. Um diesen Umstand zu verdeutlichen, hängen wir hier noch den im Text darauffolgenden Satz an.

Long: „…auf welche Weise die Tiere herumtollen und die Pflanzen blühen.“

Ebenso auch bei Reclam: „So freuen sich die Lebewesen, und so blühen die Gewächse[.]“

Angefügt an den vorausgehenden Inhalt, so bedeutet das Befolgen der Anleitung der Natur, also eben das zu erfüllen, was ein Lebewesen für die eigene Konstitution notwendig benötigt, dass dabei der tatsächliche Status Quo der Dinge herauskommt – so / auf welche Weise sie sich freuen, herumtollen und blühen.

Bei Reclam fügt sich das nahtlos an die Behauptung, die Lust sei ein Nebenprodukt, das entsteht, wenn sich die Lebewesen naturgemäß verhalten. Man kann bei Lustempfindungen davon ausgehen, dass die Betreffenden sich freuen, wie der letzte Teil des Satzes eben aussagt.

Long hat hier hingegen Schwierigkeiten, den flüssigen Übergang von der Annahme, Lust ist kein derartiges Nebenprodukt, wie Reclam es postuliert, aber es gibt auch keine Alternative, wie man das Entstehen der Lust sonst erklären würde, und dennoch tollen die Tiere nach naturgemäßem Verhalten herum. Nun frage ich mich, weshalb würde irgendein Wesen herumtollen, wenn nicht aus purer Freude?

Hier fehlt die Brücke, die bei der ersten Version klar besteht. Dadurch wird es schwierig, dem ganzen Abschnitt eine klare Aussage beizumessen, er widerspricht sich selbst und weist logische Lücken auf.

Um schon einmal in Bezug auf meinen Beispieltext ein kleines Fazit einzuschieben, so schließe ich hier: die Interpretation, die die Übersetzung der Reclam-Version suggeriert, klingt für mich um Einiges sinnvoller, sowohl an sich als auch im Kontext des Textes, als die von Long.

Wenn mir ein Einblick in das altgriechische Original gestattet wäre, so hätte ich unter Umständen das verhängnisvolle Wort ausmachen können, aber so muss ich mich an die deutschen Übersetzungen halten, aus denen das eben Gesagt geschlossen wird.

Nun möchte ich aber noch kurz auf das stoische Verständnis der Natur zu sprechen kommen.

Das stoische Verständnis der Natur

Wie vorhin angedeutet, mutet das hier dargestellte Verständnis der Natur eine Art Wesenheit an. Die Natur gibt vor, leitet an, erschafft,… Das sind alles sehr aktive Vorgänge. Die Lebewesen entstehen also nicht, sondern werden von etwas geschaffen. Hier könnte man eine Analogie zur Religion setzen, die Götter oder übernatürlichen Wesenheiten planen die Dinge unserer Welt und Wirklichkeit und lenken sie schließlich auch. Im Gegensatz dazu steht das heute weiter verbreitete Bild von eigenständiger Entwicklung und Naturgesetzen. Wobei auch da die Frage offen bleiben kann, dass die Naturgesetze von etwas gesetzt worden sein müssen, etc.

Diese Fragerei ist hier leider nicht zielführend, sodass man das Kapitel einfach abschließen kann und sich währenddessen den Eindruck bewahren, dass die Stoiker scheinbar ein religionsähnliches Naturverständnis hatten.

Umstände einer idealen Interpretation

Wir haben bisher gesehen, was für Schwierigkeiten uns erwarten, auf dem Weg vom Gedanken einer Person, über dessen Niederschrift und deren Übersetzung, bis hin zur eigenen, meist völlig fehlinterpretierten Version des Gedanken. Da drängt sich einem die Frage auf, ob derartige Vorgänge überhaupt reibungslos ablaufen können. Ich würde hier sagen, dass das sehr wohl vorstellbar und beschreibbar aber mit geringer Wahrscheinlichkeit möglich ist.

Sämtliche Voraussetzungen und Schritte müssten ideal sein. Der Übersetzer müsste Muttersprachler beider Sprachen sein, sowohl in der Gegend und Zeit des Autors als auch der des Lesers gelebt haben, beide Enden müssten das gleiche Vorwissen über das Fachgebiet und dasselbe Verständnis gewisser Weltanschauungen haben, eventuell sogar denselben Humor, die Kette ist vermutlich endlos.

Wie gesagt, es ist denkbar, jedoch schier unmöglich. Das Beste an Informationsvermittlung ist wohl noch ein persönliches Gespräch zwischen, sagen wir, Zwillingen, deren Lebenslauf sich nicht unterscheidet. Und selbst dann gäbe es unvorhersehbare Missverständnisse.

Fazit

Nach dieser Arbeit und diesen Überlegungen könnte man davon ausgehen, dass mein Fazit lauten würde: Interpretation sollte man gar nicht erst versuchen, da sie eh fruchtlos bleiben werden. Mein Schluss, den ich aus meinem Werk gezogen habe, ist überraschend positiv. Natürlich gibt es erschwerende Umstände, die sprachliche Kommunikation und noch dazu schriftliche und philosophische erheblich beeinträchtigen können und das auch tun.

Aber dennoch wäre es umso trauriger, wenn man auf einmal mit der Weitergabe eigener Gedanken aufhören würde, oder die Gedanken anderer Menschen plötzlich nicht mehr interessant wären. In der Tat bleibt nämlich meiner Meinung nach immer ein Stück der wesentlichen Botschaft erhalten, da ist es ziemlich egal, dass auf dem Weg von Absender zu Empfänger etwas verloren geht, die Essenz ist immer noch wenigstens zu erraten. Diese Annahme kann ich natürlich auf nichts stützen außer meiner subjektiven Erfahrung und Einstellung, dennoch meine ich: Weshalb würden sonst so unglaublich viele Menschen sich irgendwie unterhalten und dabei auch ansatzweise verständigen können?

Selbst wenn die Quelle nicht vertrauenswürdig oder sonst etwas sein mag, ist es immer noch spannend und interessant, Spekulationen über die Aussage anzustellen. Letztendlich lernt man eben doch nicht ausschließlich aus eigener Erfahrung, sondern vor allem durch angeeignetes fremdes Wissen, über Bücher, Gespräche oder Sonstiges. Ich wäre sicher nicht dasselbe Wesen, das ich bin, hätte ich mich in meinem Leben nicht mit Leuten unterhalten oder unzählige Bücher gelesen.

Und gerade die Philosophie lebt von Interpretationen, vom Rätseln über einen antiken Satz, von Diskussionen über verschiedene inhaltliche Aussagen desselben Textes. Auch wenn, wie vorhin ebenfalls erwähnt, gerade in der Philosophie teilweise ein großes, auch sprachliches Vorwissen vorteilhaft ist, so ist es dennoch immer wieder bereichernd, über Unklarheiten nachzudenken.

Literaturverzeichnis

  • Reclam (1998): Diogenes Laertios, „Leben und Lehre der Philosophen“, aus dem Griech.
    übers. und hrsg. v. Fritz Jürß. Stuttgart: Reclam 1998
  • Wittgenstein (1922): Ludwig Wittgenstein, „Logisch-philosophische Abhandlung; Tractatus
    logico-philosophicus“, hrgs. v. Joachim Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003
  • Long & Sedley (2000): A.A. Long, D. Sedley, „Die hellenistischen Philosophen“, aus dem Engl. übers. v. Karlheinz Hulster. Stuttgart: Melser 2000

Marburg, 30. April 2018

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