Die Relevanz scheinbar veralteter Moralvorstellungen in heutiger Zeit

Das Naturrecht des Stärkeren – ein veraltetes Weltbild?

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der These, dass die Moral vom natürlich höhergestellten Recht des Stärkeren keineswegs ein veralteter oder abwegiger Gedanke sei, sondern im Gegenteil ein Thema von mehr oder minder aktueller Brisanz. Dafür werde ich zwei Gedanken verschiedener historischer Figuren gegenüberstellen und miteinander vergleichen. Der eine, Kallikles, hat eine Rolle im Platon-Sokrates Dialog „Gorgias“ inne und vertritt die eingangs erwähnte Position vehement. Der andere, Konrad Lorenz, ist ein Österreicher des 20. Jahrhunderts – vor allem für die Begründung der Verhaltensbiologie bekannt –, und hat in ähnlicher, aber von Kallikles verschiedener Art und Weise für diese These plädiert. Im Laufe von über zweitausend Jahren hat sich dieses Gedankengut offensichtlich erhalten, oder wurde zumindest immer wieder betrachtet.

Ich beginne also mit der Rekonstruktion des Arguments, mit welchem Kallikles seine Meinung vorträgt. Dabei verweise ich immer wieder auf das Werk Platons, auf welches ich mich beziehe, den bereits erwähnten Dialog Gorgias, der ein Gespräch zwischen Sokrates und anderen Griechen erzählt. In der Diskussion geht es eigentlich um die Frage, wie es um die Rhetorik stünde, aber im Grunde wird die Definition der moralischen Gerechtigkeit umstritten. Daher kommt auch der Bezug zur Ausgangsfrage.

Danach werde ich Konrad Lorenz‘ Meinung kurz paraphrasieren und erläutern. Sie weicht etwas vom Gedanken Kallikles‘ ab, da er das Ganze aus einer anderen Sichtweise heraus betrachtet und dadurch den Spieß quasi umdreht. Teilweise scheint er für dieselbe, teilweise genau für die widersprüchliche Theorie zu plädieren. Aber das schließt einen Vergleich zwischen beiden Theorien ja nicht, aus, ganz im Gegenteil, macht ihn – meiner Meinung nach– nur umso interessanter. Diesen stelle ich sogleich an, wobei ich auf feine Unterschiede und basale Gemeinsamkeiten hinweise.

Letztendlich werde ich im Schluss sagen können, wie auch der Titel des Vorwortes vermuten lässt, dass eben ein Ausschluss derartiger Weltanschauungen in unserer heutigen Gesellschaft, oder zumindest der des letzten Jahrhunderts, aufgrund vergangener Tatsachen nicht angestellt werden kann. Eben unter anderem weil auch in der Biologie solche krassen Anschauungen immer noch zu finden sind, selbst wenn jemand anders sie als unmenschlich bezeichnet.

Naheliegend ist auch der Bezug zum Nationalsozialismus. Das Bild eines (natürlich) Stärkeren, der im Gegensatz zum Schwächeren/dem Auszumerzenden mehr oder überhaupt als Einziger eine quasi menschenwürdige Behandlung verdient, ist dort ebenso anzutreffen,wie vor über zweitausend Jahren bei Platon bereits. Aber das geht an meinem eigentlichen Thema vorbei, beziehungsweise würde weit mehr als nur knapp zehn Seiten benötigen, weshalb ich auf detailreichere Ausführungen in diese Richtung verzichte.

Rekonstruktion des Arguments Kallikles‘

Kallikles möchte in diesem Argument Sokrates widerlegen und schlägt eine andere Definition der Gerechtigkeit, bzw. der Moral vor. Ganz kurz gefasst kann man ihn etwa wie folgt wiedergeben. Eine Moral als solche – und damit auch die Gerechtigkeit – wurde von den „Schwächeren“ erfunden und benutzt, um die Herrschaft gegenüber den „Stärkeren“, welchen von Natur aus das Recht zu herrschen zustünde, durchsetzen zu können.

Und jetzt die längere Fassung. Der Disput zwischen Kallikles und Sokrates beginnt, weil dieser im Gespräch mit Polos, einer anderen Figur des Gorgias-Textes, eine dem Kallikles unangenehme Argumentationsstategie führt. So wurde Polos laut Kallikles von Sokrates dazu gezwungen, das Gegenteil seiner eigentlichen Meinung zu behaupten. Nämlich, dass das Unrecht-Tun hässlicher sei als das Unrecht-Leiden, obwohl Polos selbst anderer Ansicht war.

Unter anderem den Ausdruck hässlich muss man in diesem Kontext vielleicht näher erläutern. Da der Originaltext im Altgriechischen verfasst wurde, ist die korrekte Übersetzung wichtig. Leider konnte ich die Richtigkeit nicht selbst überprüfen, da ich dieser Sprache nicht mächtig bin, weshalb ich mich hier voll auf K. Noack (den Übersetzer der Ausgabe, auf die ich mich beziehe) verlassen muss. Aber da wir im Seminar ebenfalls über gewisse Begriffe gesprochen hatten, traue ich mir zu, an dieser Stelle eine einführende grundlegende Definition gewährleisten zu können. Im Altgriechischen gab es eine begriffliche Unterscheidung zwischen dem moralisch neutral Gutem / Schlechtem – also dem, das einfach so gut ist, oder eben nicht -, und dem moralisch Guten / Schlechten – also dem, das moralische Werte verletzt oder nicht, das gerecht oder ungerecht ist, artig oder böse. In diesem Kontext spricht Kallikles vom moralisch Schlechten, dem Hässlichen, unmittelbar darauf sehen wir aber, dass er auch den zweiten Aspekt miteinbezieht.

Wieder zurück zum roten Faden: Sokrates habe Polos absichtlich dazu gebracht, über dessen eigentliche Meinung zu schweigen, indem er immer wieder die Kategorien, in welchen die einzelnen Begriffe gebraucht werden und dementsprechend unterschiedlich zu verstehen sind, vertauscht hat. Kallikles geht davon aus, dass Natur und Gesetz sich als Widersprüche zueinander verhalten, wenn man beginnt, von Dingen wie dem Unrecht zu sprechen. Sokrates habe über das Unrecht der Natur, Polos über das des Gesetzes gesprochen, wodurch die letztendliche Aussage (siehe oben) fälschlicherweise entstanden sei. Polos wies auf das dem Gesetz nach Hässliche hin, dem, das laut des von Menschen gemachten Gesetzes unmoralisch sei, Sokrates hingegen bezog sich auf das Hässliche relativ zur Natur. Wohl sei den beiden von dieser Art des Aneinander-Vorbei-Redens mal abgesehen noch ein weiterer Fehler unterlaufen: Entgegen ihrer Behauptung sei „…[v]on Natur aus […] aber alles häßlicher, was auch schlechter ist, das Unrecht-leiden, dem Gesetz nach jedoch das Unrecht-tun…“, so jedenfalls Kallikles.

Hier kommt der Unterschied des moralisch Schlechten und des einfach-so-Schlechten zu tragen. Seiner Meinung nach ist also das Unrecht-Leiden nicht nur in moralischer Hinsicht das üblere Unterfangen, sondern auch in neutraler.

Er bekräftigt seine These mit der Antwort auf die Frage, wessen Sache das Unrecht-Leiden sei: Die eines Mannes, oder die des Sklaven. Angeblich die des Sklaven, da dieser weder sich noch sonst jemandem eine Hilfe sein kann, gerade während er Unrecht leidet („…eines Sklaven, dem es in stärkerem Maße zukäme tot zu sein als zu leben…“). Die Gesetze, welche bestimmen, das Unrecht-tun sei schlimmer als das Unrecht-leiden, seien von der schwachen Masse erdacht worden. Die „Gebrechlichen“ erdenken sich Regeln, nach welchen vor allem die „Standhafteren“ zu spielen haben. Ein für Letztere nachteiliges Spiel, in dem sie um die für sie (eigentlich von der Natur aus) vorgesehenen Vorzüge gegenüber Ersterer betrogen werden. Die Stärkeren haben das Potenzial dazu, sich ein Mehr aneignen zu können, welches die Schwächeren nicht ohne Weiteres bekommen. Diese sind bereits mit einem Gleichstand zufrieden, verteufeln daher jedes Streben nach Mehr, deklarieren es als Unrecht-Tun und zwingen damit den Stärkeren künstliche Grenzen auf, einzig und allein zum eigenen Nutzen und damit die, die eigentlich herrschen sollten/können, nicht zur Macht über sie gelangen. Hiermit haben wir die Anschauungsweise in Bezug auf die (menschengemachten) Gesetze kurz erklärt.

Im nächsten inhaltlichen Abschnitt geht es um dasselbe, nun jedoch vom Aspekt der Natur aus gesehen. Diese zeigt nämlich in verschiedenen Beispielen, dass eine gewisse Ungleichheit zwischen den beiden Gruppen vollkommen gerecht ist, von der Natur quasi erwünscht. Die Erziehung, die, der herrschenden Meinung folgend, den potentiell Mächtigeren ihr Streben nach etwas Besserem ausredet, ist unnatürlich und verblendet / verfälscht die Jugend.

Dann stellt Kallikles die Vermutung auf, dass, sollte ein Mann, welcher zwar durch die falsche Erziehung mit verdrehten Idealen aufgewachsen war, mit genug Potenzial heranwächst, er im richtigen Moment diese auferlegten und widernatürlichen Regeln von sich schmeißen und sich als wahrer Herrscher zeigen wird. Dazu rezitiert er ungefähr ein paar Zeilen und meint, wenn der Starke beispielsweise Rinder für sich beansprucht und diese wegführt, ohne Jegliches dagegen eintauscht, so ist das schlicht gerecht und der Wille der Natur.

In diesem ganzen Monolog beleidigt er Sokrates immer wieder auf teilweise subtile, teils aber auch sehr direkte und offensive Art und Weise. So fängt er zu Beispiel an, über Männer herzuziehen, die, entwachsen dem jugendlichen Alter, sich immer noch mit Philosophie beschäftigen, insbesondere über Sokrates selbst. Das sei aber nur am Rande erwähnt, es ist zwar ein – meiner Meinung nach – ein interessantes und amüsantes Detail, tut aber für den Verlauf der Hausarbeit nichts zur Sache.

Den zweiten Teil seines Arguments bringt Kallikles derart vor, als er auf die Befriedigung der Lüste eingeht, und ein auf den ersten Blick schier maßloses Verhalten ihnen gegenüber vorschlägt. Wie bereits im ersten Teil skizziert, prangert er die künstliche, von der Gesellschaft und Erziehung auferlegte Beherrschung der „von Natur aus besseren Menschen“ an. Gleich wie zuvor, werden die Lüste und Triebe der eigentlich Höhergestellten von den Niederen angeprangert und eingezwängt, da diese nicht mit ihnen, den Trieben, umgehen können, und um der Schande zu entgehen, mitansehen zu müssen, wie diese Leistung eben doch vollbracht werden könnte, verbieten sie es von vornherein denen, die tatsächlich dazu fähig wären. Stattdessen sollte der Fähige seine Lüste mit Acht befriedigen und ausleben, wie er nur möchte. Denn das ist das von der Natur als gerecht Angedachte, dadurch würden die edleren Menschen glücklich, eben der Wahrheit entsprechend leben, statt sich mit auferlegten Zwängen plagen zu müssen.

Soweit die Meinung Kallikles‘. Mir erging es beim Lesen dieser einprägsamen, wenn auch kurzen Passagen derart, dass ich dachte, Platon beliebe zu scherzen, als er diesen Dialog verfasste. Eine Person, die im vollen Ernst und unter Beisein ihrer 5 Sinne behauptet, man möge doch dem Stärkeren die volle Macht geben, auch über sämtliche Menschen, die sich nicht mit ihm auf einer Augenhöhe, sondern darunter, befänden, sodass dieser Stärkere seine Begierden komplett ohne Rücksichtnahme ausleben könne, und das Ganze scheinbar logischerweise mit dem Argument begründet, es sei von Natur aus so gewollt und daher richtig und gerecht, wollte ich so nicht für wahr nehmen. Doch es zeigt sich offensichtlich, dass diese Sorte Gedankengut, der ‚Übermensch‘, die ‚überlegene Rasse‘, keineswegs eine Erfindung des Nationalsozialismus ist. Die Abneigung mancher Menschen gegenüber anderer, dieses Überlegenheitsgefühl einer gewissen Sorte von Menschen, welche sich mit scheinbar gutem Recht über die Andere erheben möchten, ist schon vor über zweitausend Jahren in heftigen Diskussionen besprochen worden.

Man könnte nun vermuten, dass diese ‚krassen‘ Theorien schon längst veraltet sind und in Vergessenheit geraten. Meinetwegen, die Nazis hatten damals noch einige verquere Standpunkte zu Tage gefördert, aber das ist inzwischen doch alles Vergangenheit und quasi vergessen. So möchte man meinen.

Aber halt, was habe ich da gefunden, als ich letztens in einem Bücherfundus mit Literatur des vergangenen Jahrhunderts blätterte? Richtig, „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ von Konrad Lorenz. In diesem Buch findet man allerhand interessante und bisweilen auch gewagt Thesen, welchen man zustimmen mag oder auch nicht. Bei einem Kapitel allerdings stutzte ich bereits bloß beim Lesen der Überschrift. „Genetischer Verfall“. Inwiefern soll denn ein sogenannter genetischer Verfall einer Todsünde gleichkommen, und dann eine Sünde der gesamten Menschheit, und was ist eigentlich genetischer Verfall. Nun, kurz gesagt, ich las das Werk durch und an einer Stelle fiel mir direkt Kallikles wieder ein. Derselbe Inhalt, ein anderer Autor, so oder so ähnlich kann man vielleicht sagen.

Jetzt habe ich es ganz schön spannend gemacht und hier kommt die sehnlichst erwartete Wiedergabe des Lorenz‘schen Arguments für ein ‚Naturrecht des Stärkeren‘.

Rekonstruktion des Argument Lorenz‘

In der Tat ist das Argument reichlich verschieden von Kallikles‘, auf den ersten Blick hat es vielleicht gar nicht mal so viel damit zu tun. Lorenz argumentiert nämlich nicht für den Starken, sondern gegen den Schwachen, Minderen. Seine Argumente beruhen auf den Überlegungen eines Biologen, der von großen der Bedeutung erblicher Verhaltensweisen fest überzeugt ist. Sicher, Konrad Lorenz hat einen Großteil seines Lebens dem Studieren unterschiedlicher Tiere und deren Gewohnheiten verbracht. Aber ob aus diesen Beobachtungen wirklich derartig direkte Schlussfolgerungen für soziale Strukturen und das Verhalten des Menschen zu ziehen sind, ist fraglich. Leider bin ich nicht in der Position, noch verfüge ich über das nötige Wissen, um aus dieser Frage eine befriedigende Antwort zu basteln. Eines aber kann ich wenigstens versuchen, nämlich seine Worte wiederzugeben, Sinn darin zu suchen und mich dann mit ihnen auseinanderzusetzen. Dann wollen wir mal, ahoi!

Bei mehreren Tierarten lassen sich gewisse Muster im Miteinander der Gruppe entdecken. So pflegen sich Dohlen wohl in gefährlichen Situationen geschlossen der Gefahr entgegenzustellen und versuchen, diese abzuwehren. In solchen Manövern erscheinen dann Individuen, die sich an der Gruppenaktionen nicht beteiligen. Für die Garantie der eigenen Sicherheit machen sie sich also als Schmarotzer vom Erfolg der Kameraden abhängig, während sie sich selbst auf die faule Haut legen – wortwörtlich „asoziale[s] Verhalten“. Bei Tieren eine dann selten, bei aber Menschen in ähnlichen Situationen eine in der Regel auftretende Reaktion ist die Empörung.

„Wir sind ‚empört‘ darüber, und der Sanfteste reagiert mit tätlichem Angriff, wenn er Zeuge wird, wie ein Kind mißhandelt oder eine Frau vergewaltigt wird.“ Diese Reaktion ist eine für das Fortbestehen der menschlichen Art notwendige, da ansonsten der innerartlichen Zerstörung keine Grenzen gesetzt wären. Auf diese besondere Form des Wettkampfes, nämlich der zwischen Menschen, geht Lorenz in einem anderen Kapitel des Buches genauer ein, das ist aber eher nebensächlich für diese Arbeit, deshalb lasse ich es erst mal außen vor.

In verschiedenen Kulturen wird diese Form des parasitären Schmarotzens als Unrecht empfunden, es hängt wohl nicht von Erziehung und Umfeld ab, was wir als fies empfinden, sondern basiert auf tiefer verankerten Gefühlen, Instinkten gleich.16 Seit der Freud‘schen Psychoanalyse werden Dinge wie das ‚Rechtsgefühl‘ jedoch vermehrt eben jenen Faktoren zugeschrieben, die mit der Evolution nichts zu tun haben.

Lorenz allerdings hat ein anderes Bild von der Entstehung asozialer Verhaltensmuster, Sozialschmarotzer, wie man es auch nennen mag. Seiner Meinung nach handelt es sich umfaktische Mutationen, welche ein auszumerzender Fehler sind. Durch Mitleid, an dieser Stellewohl arg am fehl am Platz, hindern wir als Menschheit uns selbst am moralisch gutenFortbestehen. Ein Mensch, welcher – egal ob evolutionär bedingt oder im Laufe des eigenenLebens angeeignet – an einer psychischen Störung leidet, welche ihn als normales Mitgliedder Gesellschaft disqualifiziert und welche nicht zu beheben ist, ist die Folge des Fehlers der Menschheit, Mitleid gegenüber diesen Personen walten zu lassen, anstatt mit eiserner Hand durchzugreifen.

Ein bildliches Beispiel, das er hier anführt, geht wie folgt. „F. Hacker berichtete in seinen Vorlesungen an der Menninger Clinic in Topeka, Kansas, von einem Fall, in dem ein junger Mörder, in psychotherapeutische Anstaltsbehandlung genommen, nach einiger Zeit als ‚geheilt‘ entlassen, nach kurzer Zeit einen neuen Mord beging. Dieser Vorgang wiederholte sich nicht weniger als viermal, erst, als der Kriminelle einen vierten Menschen umgebracht hat, rang sich die humane, demokratische und behavioristische Gesellschaft zu der Erkenntnis durch, daß er gemeingefährlich sei.“

Ein Verbrecher wird in unserer Gesellschaft quasi von Vornherein von allen Schulden frei gesprochen, da sich für diese seine Erzieher verantwortlich zeigen müssten. So und ähnlich spricht Lorenz von sozialen Ausfällen, die das normale Miteinander beeinträchtigen.

Ich versuche das Lorenz‘sche Argument einmal in eigenen Worten strukturierter zusammenzufassen, um dann deutlicher skizzieren zu können, inwiefern ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesem und Platon Argument sehe.

Der Mensch ist, wie andere Tierarten, ein soziales Wesen, und als solches, auf ein intaktes Miteinander der jeweiligen Gruppe, welcher er angehört, angewiesen. Dieses Miteinander umfasst auch Situationen und Verhaltensweisen, die – in der Tierwelt ein wohl ziemlich weit verbreitetes Phänomen – für das Einzelwesen nicht zwingend von Vorteil sind, aber für den Erhalt der Gruppe unbedingt. Zu derartigen Manövern gehört zum Beispiel die gemeinsame Verteidigung gegen etwaige Gefahren – für den Einzelnen von Nachteil, da man sich der Gefahr mehr aussetzt, wenn man gegen sie angeht, als wenn man schlicht flieht, für die Gruppe aber notwendig.

Wenn man die Grundsätze der Evolution beachtet, muss diese Sorte Verhalten einen Selektionsvorteil bedeutet haben, ansonsten hätte sie sich nicht durchgesetzt. Klar, die Chancen zum Überleben steigern sich, wenn man sich einer Gemeinschaft anschließt. Dinge wie Arbeitsteilung wären ansonsten gar nicht möglich, aber zurück zum Punkt.

Ab und an treten Fälle auf, in denen man von asozialen Mutationen sprechen kann. Das heißt Lebewesen, die sich in keinster Weise an den Aktivitäten zum Erhalt der Gruppe beteiligen, aber den erheblichen Vorteil, nämlich das einfachere Überleben, in vollen Zügen auskosten. Ein Beispiel aus der heutigen, menschlichen Welt, das den Sachverhalt vielleicht deutlicher veranschaulichen kann, folgt.

Man stelle sich vor, ein Mann, der sich geistig wie körperlich in einem einwandfreien Zustand befindet, gibt vor, nicht arbeiten zu können. Die anderen Menschen betrachten ihn als Teil ihrer Gemeinschaft und geben ihm daher Essen, Kleidung und Unterkunft, wie jedem anderen (arbeitenden!) Mitglied auch; nur, dass sie im Gegenzug rein gar nichts von dem Individuum erhalten. Kurzum, ein parasitärer Sozialschmarotzer der übelsten Sorte.

Das ist so der Grundgedanke, den ich dem Text entnehmen konnte. Weiterhin bleibt es allerdings nicht nur bei einer passiven Schädigung der sozialen Struktur, sondern es tretenauch Fälle von aktivem Missbrauch auf. Ein Dieb, ein Mörder, ein sonst wie gearteter Verbrecher, wird vom anderen Menschen mit Empörung betrachtet. Ein natürliches Rechtsgefühl, losgelöst von Kultur oder Ähnlichem, zeigt den meisten, dass ein derartiges Verhalten durchweg schlecht ist. Das alles dient erst einmal der Beschreibung der Umstände, Hintergrundwissen, wenn man so will.

Gefährlich wird es erst, wenn diese Art von Ausfällen nicht auf ein Minimum beschränkt wird. Und genau das passierte in der letzten Zeit der Menschheitsgeschichte. Der von Anhängern des Behaviorismus verbreitete Glaube, alles Schlechte an einem Menschen sei auf die furchtbaren Taten der Erzieher zurückzuführen, die der Täter, der eigentlich ein armes Opfer ist, in der Kindheit hatte erleben müssen, sodass ihm selbst keinerlei Verantwortung und / oder Schuld zuzuschreiben sei, und die damit einhergehende Mitleidsschiene, auf der selbst die ärgsten Gewaltverbrecher mitfahren dürfen, verbietet es der Gesellschaft, in notwendiger Art und Weise mit derartigen Personen zu verfahren.

Tatsächlich ist aber die einzig richtige Verfahrensart die, solche Individuen, wenn man die unumstößliche Wahrheit des Bösen im Wesen dieser Person festgestellt hat, vom Rest der Gesellschaft auszuschließen, damit sich derartiges Verhalten und die asozialen Charakterzüge nicht weiter vererben lassen.

Lorenz selbst stellt auf Seite 58 den Bezug zum Nationalsozialismus her, auf den ich in der Einleitung bereits hingewiesen hatte, indem er sagt „Man darf nicht einmal die Worte ‚minderwertig‘ und ‚vollwertig‘, auf Menschen angewendet, gebrauchen, ohne sofort verdächtigt zu werden, man plädiere für die Gaskammer.“

Diesen Worten entnehme ich, dass er, Lorenz, sehr gerne diese Begriffe auch für menschliche Lebewesen verwenden würde, und es ihm missfällt, dass Derartiges direkt auf Nationalsozialistisches bezogen wird. Einem Artikel aus dem Internet nach, sowie weiteren schriftlichen wie mündlichen Quellen, hatte der Österreicher allerdings auch aufgrund seiner damals mit denen der Nazis ähnlichen Anschauungen, was Erbgut und dessen Reinheit angeht, eine ziemlich steile Karriere. Von dem Bild des Altnazis hat er sich zeit seines Lebens auch nie richtig befreien können, auch, wenn er selbst es später wiederholt widerrufen hatte, vielleicht unter anderem durch Äußerungen wie dem eben Zitierten. Aber ich schweife ab, ich möchte nicht über den Nationalsozialismus sprechen, sondern irgendwann wieder den Haken zu Platon schlagen.

Vergleich beider Anschauungen

Im Laufe der Arbeit an diesem Text ist mir selbst erst klar geworden, dass wohl die Unterschiede zwischen beiden Positionen auf den ersten Blick sogar klarer scheinen, als die Gemeinsamkeiten. Klar, beide sprechen von Menschen, die eine nicht so nette Behandlung erfahren sollten, im Gegensatz zu denen, die irgendwie überlegen, oder in Lorenz‘ Fall, normal sind. Das ist wohl die hauptsächliche Gemeinsamkeit.

Wie Kallikles die Menschen in Stärkere, die über die Schwachen herrschen sollen, egal wie ungerecht das diesen scheinen mag, einfach, weil ihnen diese Übermacht von Natur aus zusteht, so verwehrt Lorenz den sogenannten Mutationen eine gesellschaftlich normale Stellung, damit die bösen Charakterzüge nicht weiter das menschliche Erbgut durchziehen.

Man könnte Kallikles an dieser Stelle übrigens fragen, wieso er das so sieht, da das „von-Natur-aus“-Argument ein bisschen willkürlich erdacht scheint. Er begründet das mit analogen Vorkommnissen aus der Poesie und anderen Staaten. Diese vielleicht etwas zu weit hergeholten Analogien, sind auch ähnlich zu Lorenz‘ Argumentationsstrategie, der sein Verständnis von „normalem“ und „asozialem“ Verhalten aus der Tierwelt, genauer gesagt, von den Dohlen ableitet.

Das ist also der basale gemeinsame Punkt: die Einteilung der Menschheit in zwei hierarchisch voneinander unterschiedene Gruppen, die einen privilegierter als die anderen. Bis hierhin alles klar soweit.

Jetzt kommen wir aber zu den, etwas verwirrenderen, Unterschieden. Während bei Platon der, der zu leiden hat, der in den Augen der meisten Leute moralisch Bessere ist, ist es bei Lorenz genau umgekehrt. Hier muss der eingesperrt und isoliert werden, der Unrecht getan hat, und zwar das Unrecht, das nach menschlichem Gesetz, um es mit Kallikles‘ Worten zu sagen, als solches gilt, wobei es nach der Natur teilweise als Recht gelten mag.

Eben der Mensch, der nach Kallikles mehr Privilegien erfahren soll, der sich ungestraft nehmen darf, was er möchte, weil die Natur es so eingerichtet hat, dass er dazu fähig ist, und es unnatürlich wäre, sich dieser Veranlagung durch Umgewöhnung zu widersetzen, ist derjenige, der nach Lorenz ein asozialer Parasit und eine Mutation ist, die es auszumerzen und von der ‚normalen‘ Gesellschaft fernzuhalten gilt, da sie ansonsten eine Bedrohung für diese darstellt.

Es ist also so, dass beide Positionen für ein Naturrecht des Stärkeren plädieren, das schon, aber mit genau widersprüchlichen Lösungsansätzen. Der eine, Lorenz, ist gegen die Bösen, während der andere, Kallikles, für die Starken ist. Widersinnigerweise handelt es sich allerdings um die selbe Zielgruppe, von der sie sprechen.

Im Endeffekt ist es also nur ein Unterschied in der Art und Weise, die verschiedenen Menschengruppen zu betrachten. Wenn man die Vorteile der Masse im Sinn hat, kommt man bei ‚Ausfällen‘ in eine negative Haltung. Gibt man allerdings den Vorteilen des Individuums Vorrang, so wird man der Masse, die dieses in die Schranken weisen möchte, negativ gegenüberstehen.

Das Naturrecht des Stärkeren – auch heute noch ein aktuelles Thema

Vielleicht mag dem eifrigen Leser bei dieser Arbeit die Richtung auf die Ausgangsfrage gefehlt haben, wobei er auch nicht ganz unrecht hat. Jetzt haben wir zwar hübsch zwei Positionen beleuchtet und abgeglichen, aber zum zeitlichen Aspekt ist bisher – außer in der Einleitung – kein Wort gefallen. Das trachte ich nun nachzuholen.

Platon. Eine Figur, die bereits Jahrhunderte vor Christus ihr Dasein hier auf Erden fristen durfte. Genau so Kallikes, die Hauptperson unseres ersten Abschnitts. Nun, von der Zeit, in der dieser Mann gelebt haben muss, wissen wir heutzutage nicht mehr viel, aber Einiges wurde überliefert. So war die Sklaverei zum Beispiel fester Bestandteil der damaligen Gesellschaftsstruktur und Kultur, Herrscher wurden erdolcht und Könige ermordet. Es ging also recht flott zu damals, aber was ich damit sagen möchte, ist, dass man sich leicht vorstellen kann, wie jemand in einer Zeit, in der die Korrektheit von Dingen wie der Sklaverei nicht einmal zur Debatte stand, so alltäglich waren sie, behaupten kann, dass einer gewissen Sorte von Menschen mehr Rechte zustünden, als dem Rest. Faktisch ist das Leben auch so abgelaufen. Er, Kallikles, hat genau diese Gegenüberstellung auch in seine Argumentation miteinfließen lassen, ich brachte es weiter oben als Beispiel.

Ganz anders sieht es da schon 1973 aus. Frauen dürfen wählen, von Sklaverei ist zumindest in Mitteleuropa schon lange nicht mehr die Rede, die Jugend genießt eine (welt-)offene Erziehung, wie quasi noch nie zuvor. Aber vor allen Dingen sind die Schrecken des zweiten Weltkrieges noch keine dreißig Jahre her. In den Köpfen der Menschen sind also die Untaten und Grausamkeiten, die während des Nationalsozialismus begangen wurden, noch frisch in Erinnerung. Wie kommt ein Mann vor dieser Kulisse auf den Gedanken von Natur aus moralisch besser und schlechter gestellter Menschen?

Einmal wird wohl der Nationalsozialismus eben nicht spurlos an Lorenz vorübergegangen sein, das hatte ich bereits erwähnt. Außerdem ist Konrad Lorenz durch seine bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Verhaltensbiologie berühmt geworden, und das will schon etwas heißen. Er hat einen guten Teil seines Lebens auf das Studium verschiedener Tiere gelegt, von deren Verhaltensweisen und sozialen Mustern er Schlüsse auf den Menschen ziehen konnte, oder zumindest dachte, es tun zu können. Und vor diesem Hintergrund ist eine radikale Sichtweise wie die hier dargestellte gar nicht mal so verwunderlich, wenn auch damit nicht weniger erschreckend.

Wenn man tagtäglich Beispiele – wenn auch aus der Tierwelt – vor Augen geführt bekommt, wie die Dinge nun einmal zu laufen haben, damit eine soziale Struktur nicht an den Schwachstellen zerbricht, und man außerdem im Rahmen einer jahrelang andauernden Sichtweise auf niedere und höhere Menschen, erblich bedingt, gewerkt und gewirkt hat, ist der Glaube an soziale Störungen, die nichts als auszumerzen sind, nicht einmal abwegig.

Man kann das alles auch losgelöst vom Moralischen, einfach nur den pragmatischen Aspekt betrachten, dann wirkt das erstaunlicherweise sehr einleuchtend und logisch. Klar, was dem gesunden Fortdauern der Menschheit als Ganzes effektiv schadet, muss weg. Bei einer derartigen Betrachtungsweise fehlen meiner Meinung nach aber eine ganze Reihe von Sichtpunkten, die bei konsequenter Missachtung eben Dinge wie den Holocaust passieren lassen.

Nichtsdestotrotz, und damit wieder zurück zum roten Faden, ist die Unterteilung in verschiedenartig hierarchisierte Menschengruppen keineswegs antik und veraltet, ganz im Gegenteil. Im vergangenen Jahrhundert hat nicht nur Konrad Lorenz diese Dinge propagiert, das Thema des ‚Naturrecht des Stärkeren‘ ist somit auf jeden Fall noch von heutigem Interesse.

Literaturverzeichnis

  • Schmidt: „Irrwege eines Küken-Vaters“ – Volker Schmidt; vom 27.02.2014, 6:47; heruntergeladen am 13.10.18, 10:34 (https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2014-02/konrad-lorenz-naehenationalsozialismus )
  • Gorgias: „Gorgias“ – Platon; übersetzt, kommentiert und herausgegeben von K. Noack; Lausitzer Druckhaus GmbH, Bautzen (2016) [in den Fußnoten wird auf die Stephanus-Paginierung verwiesen]
  • Lorenz: „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ – Konrad Lorenz; R. Piper & Co. Verlag, München (1973)
  • Brockhaus: „Der Brockhaus in fünf Bänden“ – Band 1; F.A. Brockhaus GmbH, Leipzig (2004)

Marburg, 29.10.2018

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