Kann es gerecht sein, jemandem Schaden zuzufügen? Falls ja, unter welchen Umständen?

Im nachfolgenden Text werde ich mich mit der oben genannten Frage auseinandersetzen und dazu Stellung beziehen. Dafür werde ich als erstes die Begriffe „Schaden“ und „Gerechtigkeit“ diskutieren. Danach gebe ich Platons Meinung zum Thema wieder, genauer gesagt ein Argument aus seinem Werk „Politeia“ (Buch 1, 335b). Dieses werde ich kritisch beleuchten um im Abschluss zu meiner eigenen These zu gelangen, welche da lautet: Schaden ist gerecht, solange es nur Mittel und nicht selbst Zweck ist und außerdem der endliche Nutzen für alle die negativen Konsequenzen überwiegt. Um dieses Thema überhaupt ordentlich besprechen zu können, muss zuallererst die Bedeutung von Schaden und Gerechtigkeit geklärt werden.

Wohl ein jeder wird mit Schaden etwas Negatives assoziieren. Mein Laptop ist nass geworden, funktioniert nicht mehr, hat wortwörtlich einen Wasserschaden. In diesem Sinne erfahre ich das Ereignis als schädigend. Aber jeder andere wird diesen Vorfall als Bagatelle ansehen, da er nicht die eigene Komfortzone beeinträchtigt. Man kann demnach Schaden so definieren: Eine Änderung des ehemals vorherrschenden Zustandes, deren Folgen von einem Individuum als negativ empfunden werden.

Der zweite diskutable Begriff, die „Gerechtigkeit“, ist da schon etwas schwieriger abzugrenzen. Alle Menschen besitzen ein gewisses Wertesystem, nach welchem die Welt in Gut und Schlecht eingeteilt wird. Und genau so hat jeder auch eine bestimmte Auffassung von Gerechtigkeit. Aber dennoch treten immer wieder Fälle auf, in denen Person A Sache XY als gerecht, Person B diese aber als sehr ungerecht ansieht. Demnach ist es unmöglich eine universelle Definition der Gerechtigkeit abzugeben, da es vom individuellen Empfinden der Beteiligten abhängt. Ich möchte in diesem Text deshalb immer auf Umstände und Betroffen der jeweiligen Situation um die Gerechtigkeitsfrage verweisen. Nun wollen wir uns Platons Auffassung zuwenden und diese erklären.

Er lässt in besagtem Werk Sokrates gegen einen gewissen Polemarchos argumentieren. Dieser stellt die Behauptung auf, Schaden könne insofern gerecht(„-fertigt“) sein, als ein böser Mensch oder Feind nichts anderes verdient hat. Einfach gesagt sei also Gerechtigkeit, guten Wesen Gutes und schlechten Schlechtes zu tun.

Sokrates setzt dieser Aussage die Überlegung gegenüber, dass selbst wenn der Schaden laut des vorangestellten Gedanken gerecht sei, das betroffene Lebewesen ausschließlich negative Folgen erfährt und dadurch ungerechter würde. Gerechtigkeit wird aber als „gute Tugend“ definiert, deren Sinn und Zweck positive Konsequenzen sind. Sie könne somit nur Gutes bedeuten, und nähmen wir einmal an, Schaden sei etwas „Schlechtes“, so könne man folglich nicht Gerechtigkeit und Schaden in ein und derselben Handlung aufnehmen. Nur ein ungerechter Mensch ist imstande, anderen Schaden zuzufügen, da er nicht tugendhaft handelt. Insofern kann es nicht Sache eines gerechten Menschen sein, jemandem zu schaden, nicht einmal einem „schlechten“, da die Handlung an sich Ungerechtigkeit symbolisiert. Im Namen der Gerechtigkeit also ist es unmöglich, anderen Menschen zu schaden.

Das sagt uns zumindest der platonische Sokrates. Wie man sich denken kann, teilen sich nicht alle Philosophen diese Meinung. So kann man mit z.B. dem Utilitarismus dagegen argumentieren.

Diese philosophische Strömung basiert auf dem „Schaden-Nutzen-Prinzip“. Das höchste Ziel ist das größtmögliche Wohlbefinden für die größte Anzahl von Personen. SO gesehen wäre die Antwort auf die Frage nach gerechtem Schaden: Schaden ist gerecht, solange er vom Nutzen für die Masse überwogen wird.

Als Beispiel kann man hier die Gefängnisstrafe anführen: Durch die Beraubung seiner persönlichen Freiheit erfährt ein Individuum Schaden. Die Masse hingegen zieht daraus einen Nutzen, indem sie zukünftig vor eventuellen Schäden sicher ist (Mord, Vergewaltigung). Somit steht das Wohl aller über dem Wohl des Einzelnen.

Das Ziel ist also in beiden Fällen dasselbe, nämlich etwas Gutes zu bewirken. Der Unterschied besteht darin, dass die Utilitaristen abwägen und etwas „Schlechtes“ zugunsten etwas „noch Besserem“ in Kauf nehmen. Das Gute ist somit nicht relevant in Bezug auf jeden einzelnen Aspekt der Handlung, sondern nur bezogen auf das Resultat – „es muss sich lohnen“. Anders als bei Platon, der das Gute innerhalb der Gerechtigkeit als Ganzes nimmt. Kein einziges Detail des Vorganges darf negativ gefärbt scheinen, sonst passt der Begriff Gerechtigkeit nicht mehr darauf.

Um auf unser Beispiel der Freiheitsstrafe zurückzukommen: Platon sähe es in jedem Fall als ungerecht an, da ein Schaden auftritt, ungeachtet der wohlgesinnten Motivation.

Nun mag man diese (Platons) Meinung löblich und erstrebenswert nennen, allerdings wird man bald feststellen müssen, wie utopisch dieser Gedanke ist. In der Welt, die wir gemeinhin mit Realität bezeichnen, ist ein gewisses Pensum von Schaden unvermeidbar und teilweise sogar notwendig, in diesem Sinne also sogar gerecht.

So ist beispielsweise zur Aufrechterhaltung eines intakten gesellschaftlichen Systems die Beschneidung der persönlichen Freiheit einiger ausgewählter Individuen eine unumstößliche Bedingung. Wäre der dadurch entstandene Schaden ungerecht und das ganze Verfahren also fragwürdig, so wären in einer idealen Gesellschaft Platons Meinung nach sämtliche Verbrecher auf freiem Fuß und der gesamte Schaden letztendlich sicher um einiges schwerwiegender als es mit dem Prinzip der Freiheitsstrafe der Fall ist

Dies führt uns auf die erste Teilantwort der eingangs gestellten Frage: Notwendiger Schaden zugunsten größeren Nutzens ist gerecht. Um die zweite Hauptaussage meiner These zu erklären, gehe ich nochmals auf den Utilitarismus ein.

In diesem stellt also das Endergebnis den zu beachtenden und zu wertenden Umstand dar, ungeachtet der Unannehmlichkeiten auf dem Weg dorthin. Der Schaden wird also ein Mittel zum Zweck, ein Instrument, dessen Einsatz für den Erwerb des wünschenswerten Zustandes unumgänglich ist. Es gibt keinen Grund, den Schaden als ungerecht anzuprangern, sofern dieser nicht den endlichen Zweck symbolisiert.

In einem solchen Falle nämlich, bei einer Handlung, deren Ziel einzig und allein der Schaden ist, ist das Gute nicht einmal in der Rechtfertigung der Tat oder im Streben nach einem besseren Zustand vorhanden, sondern nirgendwo. Da Gerechtigkeit selbst nach dem utilitaristischen Prinzip immer ein erstrebenswertes und gutes Ziel, oder eine plausible moralisch verständlicherweise vertretbare Notwendigkeit haben muss, kann somit ein verzweckter Schaden niemals gerecht sein, was den zweiten Teil meiner These ausmacht.

Um ein letztendliches Fazit unter meine Ausführungen zu setzen, fasse ich nochmals zusammen: Platon behauptet, da Gerechtigkeit durch und durch gut, Schaden aber etwas Schlechtes ist, kann es keinen gerechten Schaden geben. Ich sage, dass mag in einer utopischen Welt vielleicht durchsetzbar sein, für das funktionierende Zusammenleben vieler Menschen muss teilweise geringfügiger Schaden zwecks größeren Glücks für die Masse in Kauf genommen werden. Dies sind die Umstände gerechten Schadens, welcher jedoch niemals selbst als Zweck oder Ziel verfolgt werden darf, da durch eine derartige Intention die ganze Handlung als ungerecht angesehen würde.

Und ganz am Rande sei noch erwähnt: „Gewalt ist auch keine Lösung.“

Literaturverweise:

Platon, Politeia, Buch I, 335b; zit. nach: Platon, Sämtliche Werke in zehn Bänden. Griechisch und Deutsch, 1. Aufl., Frankfurt a.M./Leipzig 1991, Bd. 5, S. 47-51.

Marburg, 20.11.2017

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