Was ist besser und aus welchen Gründen: ein Leben voller Lust oder ein Leben voller Denkanstrengungen?

Im Folgenden versuche ich, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Um dies plausibel gestalten zu können, müssen vor allen Dingen die Begriffe, die vielleicht unklar sind und so Missverständnisse verursachen könnten, definiert werden. Dadurch entwickle ich anhand meiner gesetzten Definitionen ein Bild in Richtung meiner Meinung zum Thema. Dafür ziehe ich auch Aristoteles‘ Argument zu Rate. Im Abschluss wird man finden, dass die Frage, so gestellt, keine direkte Antwort bekommen kann.

Der erste Begriff, den man eventuell missverstehen könnte, ist das bessere Leben. Das Wort besser impliziert eine Wertung, also eine mögliche Unterscheidung oder zumindest Abstufung zwischen gutem und schlechtem Leben. Woran lässt sich aber festmachen, ob ein Leben besser oder schlechter gewertet werden soll? Nun, das kommt natürlich ganz auf die Betrachtungsweise und das eigene Wertesystem an. Man kann zum Beispiel als höchstes Ziel im Leben die Anzahl an Nachkommen sehen, somit wäre ein kinderreicher Mensch mit einem guten Leben gesegnet, oder aber der Nutzen für die Allgemeinheit, nämlich dass man möglichst vielen Menschen möglichst viel Gutes tun soll. Grob kann man sagen, das Erreichen des persönlich als am wichtigsten erachteten Zieles ist das Optimum an gutem Leben. Wir gehen also davon aus, jeder Mensch strebt in seinem Leben nach er Erfüllung seiner Wünsche. Was hat er denn davon? Ganz einfach, positive Gefühle wie Erfolg, Befriedigung, wenn man so will, auch Seelenfrieden und worauf beläuft sich das alles? Auf Glück. So möchte ich also ein besseres oder gutes Leben daran messen, wie glücklich die betroffene Person ist.

Vielleicht auch unterschiedlich zu interpretieren ist der Begriff der Lust, weswegen ich da noch näher drauf eingehe. In der gebräuchlichen Alltagssprache würde ich dieses Wort einschätzen als ein eher mit negativen Assoziationen verbundenes. Wenn wir das von etwas Lustvollem sprechen, so meinen wir etwas, was unsere niederen Triebe befriedigt. Damit sind primär sexuelle oder auch andere von der Gesellschaft als lasterhaft erachtete Betätigungen gemeint. Bloße Freude an einer Betätigung würde wohl niemand direkt mit Lust verknüpfen, was ich in diesem Text eben schon machen möchte. Ein lustvolles Leben ist in meinem Sinne eben eines, in dem man sich mit Sachen beschäftigt, die einem möglichst viel Freude oder schlicht positive Emotionen bereiten. Ich hoffe, diesen Begriff jetzt unmissverständlich abgegrenzt zu haben, er soll eben keine Befriedigung niederer Bedürfnisse beschreiben, sondern vielmehr ein Synonym zu Freude ausmachen.

Kann man sagen, ein Mensch, der in seinem Leben stets darauf bedacht ist, Freude zu empfinden, wird auf lange Sicht ein glückliches Leben leben? So denke ich. Natürlich steht es einem jeden frei, zu entscheiden, was genau man als eine glücklich machende Beschäftigung angeben möchte. Nach Aristoteles‘ Beschreibung ist konkret diese Beschäftigung eine geistige Aktivität. Die Eigenschaft der vernunftbegabten Wesen, auch genannt Menschen, intensiv nachdenken zu können, zeichne diese aus und sei daher das zu erfüllende Kriterium für ein Leben voller Glück, welches das höchste Ziel in einem menschlichen ist. (vgl. Nikomachische Ethik).

Ich denke, an dieser Stelle muss der Begriff der Denkanstrengung noch abgegrenzt werden. Anstrengung ist für uns etwas Leidiges, etwas, das man ungern ausführt und keinen Spaß macht. Wenn aber doch eben diese Denkanstrengung zumindest nach Aristoteles das Mittel der Wahl auf unserem Weg zur Glückseligkeit und dem damit guten Leben ist, kann sie nicht negativ konnotiert sein. Ich möchte hier den Begriff der Denkanstrengung mit intensivem Nachdenken austauschen und künftig zweiteren verwenden. Inwiefern ich Aristoteles rechtgebe aber auch kritisiere, werde ich gleich erläutern.

Bisher haben wir also Folgendes herausgearbeitet: Ein gutes Leben ist ein glückliches, zu erreichen durch möglichst viele freudebringenden Aktivitäten, wobei Freude auch mit Lust gleichgesetzt werden kann. In dieser Überlegung fehlt allerdings noch gänzlich das intensive Nachdenken. Dazu möchte ich jetzt kommen.

Aristoteles gibt als einzige Möglichkeit für den Weg zum guten Leben ein intensives Nachdenken an. Ich möchte nicht bestreiten, dass es Menschen gibt, die darin die höchste Erfüllung sehen. Für jeden idealen Student sind der Wissenserwerb und das damit zwingend verbundenen intensive Nachdenken die Mittel zum Glück. Sicher viele Wissenschaftler sehen darin den Sinn des Lebens und je mehr man seine Zeit damit verbringen kann, desto näher ist man dem guten Leben. Aber in dieser Argumentation fällt völlig hinten runter, dass es auch, gelinde gesagt, dumme Menschen gibt. Und dass wir Menschen auch nur Tiere sind, die die höchste Stufe ihres Potentials erst nach Befriedigung der niederen Bedürfnisse voll auskosten können. Eine mit nicht allzu viel Intellekt gesegnete Person wird wenig Nutzen in einem wissenschaftlichen Studium sehen und sich eher mit einfacheren Dingen beschäftigen wollen. So ist des Einen Glück des Anderen Verzweiflung. Eine Pauschalisierung des Gegenstandes, wie Aristoteles sie vorschlägt, ist meiner Meinung nach völlig unrealistisch. Für den idealen Menschen mag dieses Prinzip zwar gelten, doch auch bei gesundem Geist nur in bestimmten Rahmenbedingungen. Ein hungriger Magen denkt nicht gerne. Um sich freudig mit intensivem Nachdenken beschäftigen zu können und so glücklich zu werden, müssen sämtliche Grundbedürfnisse befriedigt sein, das kann ich aus eigener empirischer Erfahrung bestätigen. Der Mensch braucht in erster Linie Schlaf, Essen, Sicherheitsgefühl, soziale Anbindung… erst dann kann man sich gedanklich beschäftigen und zu einem großen Denker werden. Unausgeschlafen werden die Wenigsten eine Klausur mit 15 Punkten bestehen. Außerdem wird ein jeder noch so großer Denker trotz allem nicht glücklich werden, wenn ihm in seinem Leben keine Liebe zuteil wird. Manchen, beispielsweise den Eremiten, scheint die Selbstliebe zu reichen, dennoch braucht jeder Mensch das Gefühl, von jemandem geliebt zu werden. Ich hebe das gesondert hervor, da vielleicht die meisten diesen Umstand nicht automatisch zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählen würden. Werfe man einen kurzen Blick auf das Kaspar-Hauser-Experiment, so erkennt man bald, welche Wichtigkeit dem Stillen grundlegender Bedürfnisse an allererster Stelle zukommt. Ein berühmtes Beispiel ist das, welches Kaiser Friedrich 2. mit Waisenkindern durchführte. Er ließ sie ernähren von den zuständigen Ammen, sodass ihnen an keinen materiellen Bedürfnissen fehle. Aber keinerlei Zuwendung, wie Ansprache oder zärtlichere Berührungen wurde ihnen zuteil und tatsächlich starben die Kinder reihenweise. (Vgl. Kaspar-Hauser) Es ist daher essentiell zu akzeptieren, dass menschliches Glück durch geistige Beschäftigung erst an der ganz weit oben gelegenen Spitze eines Turmes von menschlichen Bedürfnissen sitzt, die erst dann erreicht wird, wenn alle davor anstehenden Bedingungen voll erfüllt worden sind.

Die Frage kann ich dennoch nicht direkt beantworten. Zu sagen, das lustvolle ist im Vergleich zu einem voller Denkanstrengungen das bessere Leben, widerspricht der Annahme, dass eben dieses intensive Nachdenken einigen Personen die größte Lust und somit das beste Leben verspricht. Eher würde ich sagen, das lustvolle Leben ist generell das bessere, da es das meiste Glück generiert und unter die Kategorie Lust fällt bei einigen Leuten eben auch die Denkanstrengung. Natürlich ist dieses Konstrukt nur in einem gewissen Rahmen haltbar und sehr relativ, da es auch abhängig von vielen unterschiedlichen Faktoren ist.

Literatur

Kaspar-Hauser: „Waisenkinderversuche“ (2017), Lexikon der Psychologie Psychology48. Zugriff am 17.12. um 17:20. (http://www.psychology48.com/deu/d/waisenkinderversuche/waisenkinderversuche.htm)

Nikomachische Ethik: Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, Kap. 5 u. 6, 1097b20-1098a5; zit. nach: Aristoteles, Philosophische Schriften in sechs Bänden, Bd. 3: Nikomachische Ethik, nach d. Übersetzung v. E. Rolfes bearb. v. G. Bien, Hamburg 1995

Marburg, 15.12.2017

Responder

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Cerrar sesión /  Cambiar )

Google photo

Estás comentando usando tu cuenta de Google. Cerrar sesión /  Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Cerrar sesión /  Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Cerrar sesión /  Cambiar )

Conectando a %s