Literarische Texte in der Philosophie – sinnvoll?

1. Einleitung

In philosophischen Texten gibt es meines Wissens nach zwei große Kategorien an Schreibweisen. Da ist einmal das analytische, argumentative, sehr strukturiert anmutende Schreiben. In diesem Stil sind die meisten der großen Arbeiten verfasst, Kant hat beispielsweise viel damit gearbeitet, um eben nichts weiter als die Essenz des für dieWeitergabe der Überlegungen notwendigen sprachlichen Mittel anzuwenden. Dann ist da zum Zweiten der ‚französische‘ Stil, der mehr an Romane erinnert als an wissenschaftliche Texte. Zu diesem würde ich intuitiv zum Beispiel Albert Camus‘ Werke zählen, die ich nicht wie andere als rein philosophische Abhandlungen werte, sondern mehr als literarisches Werk mit philosophischem Gehalt. Über dieses Verfahren im Transportieren philosophischer Gedankengänge möchte ich in dieser Arbeit sprechen.

Dabei werde ich einmal genauer auf den Unterschied zwischen beiden Verfahrensweisen eingehen, und bei gegebenem Falle Vor- und Nachteile beider erläutern. Dann möchte ich vor allem die emotional aufgeladenere Vorgehensweise näher beleuchten und erklären, dass, wie und warum diese meiner Meinung nach zumindest in vielen Fällen dafür geeigneter ist, irgendwelche Inhalte verständlich zu vermitteln. Sowohl in dem Seminar, zu welchem ich im Begriff bin, eine Hausarbeit zu verfassen, als auch in einem des vergangenen Wintersemesters (zu Phaidon, einem Dialog Platons) haben wir darüber gesprochen, ob und wie literarische Aspekte unter Umständen besser dafür geeignet sind, Inhalte weiterzugeben, sodass auch, salopp gesagt, Hinz und Kunz sie (be-)greifen können. Dass ich dafür argumentieren möchte, bedeutet aber in keinem Falle – um das hier direkt klarzustellen und Missverständnisse über meine Ansicht akademischer Philosophie im Voraus zu vermeiden – , dass ich derlei Gegensätze in ihrer Funktion degradieren oder ihnen den Anspruch auf Publikumswirsamkeit absprechen wöllte. Schlicht im Gegenteil die Funktion literarischer, emotionalerer Texte hervorzutun und diesen mehr Zuspruch zu verleihen, ist im Folgenden meine bescheidene Absicht.

Für die vorliegende Arbeit beziehe ich mich hauptsächlich auf persönliche Erfahrungswerte, da diese sich als die mir am zugänglichsten erschlossen haben. Davon abgesehen, und auch, um den einer wissenschaftlichen Arbeit zugrundeliegenden Ansprüchen genüge zu tun, werde ich Bezüge zu anderen Texten renommierter Philosoph*innen herstellen. Darunter zählt einmal ein Artikel von Martha Nussbaum, ‚Narrative Emotions: Beckett‘s Genealogy of Love‘, welchen wir auch im Seminar besprochen hatten. Allerdings werde ich mich im Kontext dazu eher auf die Diskussion, welche im Anschluss an die Besprechung des Textes im Seminar stattfand, beziehen. Außerdem werde ich auf das eben schon erwähnte Werk Platons, ‚Phaidon‘, zurückgreifen, da in diesem recht anschaulich gegen Ende die Wirkung eines ‚Mythos‘ im Kontrast zur vorausgegangenen argumentativen Schreibweise angeführt wird. Eine weitere philosophische Arbeit, die meine These hübsch mitverteten würde, ist eine Arbeit Theodor W. Adornos, nämlich ‚Wozu noch Philosophie?‘, in welcher starkgemacht wird, wie Form und Inhalt eines Textes übereinstimmen sollten, um an Überzeugungskraft dazu zu gewinnen. Ich wünsche Ihnen ein vergnügliches und reichhaltiges Leseerlebnis.

2. Klassische Texte der Philosophie, sprachliche Schwierigkeiten

Wie soeben dargelegt, werde ich anfänglich auf die im akademischen Rahmen als ‚klassisch‘ verstandenen Texte der Philosophie eingehen und den Einfluss jener auf die Leserschaft beurteilen. Dafür setze ich ein allgemeines Verständnis der Kategorie dieser von mir als solche betitelten ‚klassischen‘ Texte voraus, sodass es mir nicht weiter notwendig erscheint, hier konkrete Beispiele zu benennen.

In der klassischen Philosophie wird das größte Augenmerk auf eine in sich schlüssige und stichhaltig Argumentation gelegt. Dieses Priorisierung an sich hat auch etwas für sich, da egal wie kalt und abgedroschen die so entstandenen Werke dann und wann erscheinen mögen, diese in jedem Kontext einen unabänderlichen Gehalt ausführen, der sich sprachlich schlecht verirren kann. Dadurch ist es den verschiedenen Diskussionsteilnehmern gestattet und vereinfacht, sich dem rein inhaltlichen Durchspielen der Gedankengänge gegeneinander zuwidmen, ohne viel auf das Drumherum achten zu müssen. So wie wir in den ersten Semestern des Studiums eingebläut bekommen haben, uns an der Argumentation Sokrates‘ in denPlatonischen Dialogen ein Beispiel für gutes Argumentieren zu nehmen, ist die Ausformulierung der exakten Schritte dafür hoch relevant. Derart wird den Lesern die Möglichkeit geboten, den Gedanken geschlossen und schrittweise nachvollziehen zu können. Auch ist man als Mensch, der sich viel in der Welt der akademischen Philosophie bewegt, nach einigen Texten an diese bestimmte Schreibweise gewöhnt. Infolgedessen werden Arbeiten, die wenigstens in Teilen davon abweichen, ziemlich direkt verworfen und ihnen wird der wissenschaftliche Anspruch sowie Einfluss abgesprochen. Es gibt also einige Argumente, die für eine rein an der expliziten Darstellung des Inhalts orientierten Arbeitsform plädieren. Historisch sowie aktuell sind die meisten Arbeiten (immer noch?) danach ausgerichtet und aufgebaut, selten finden wir beim Schmökern in irgendwelchen dicken Schinken von renommierten Philosophen literarisch hochwertige Ausschmückungen. Die Sprache wird ganz bewusst auf einer sachlichen und scheinbar neutralen Ebene gehalten, umso die emotionale, ‚verfälschende‘ Komponente aus der Argumentation herauszuhalten.

Allerdings ist es umgekehrt gerade bei dieser Art, einen Text zu verfassen, enorm wichtig, auf die sprachlichen Komponenten zu achten und diese explizit zu verwenden. Wenn man sich auf einer rein argumentativen Metaebene bewegen möchte, müssen alle Beteiligten dieselben Begriffe mit denselben Ausdrücken verknüpfen, ansonsten kommt es leicht auch zu inhaltlichen Missverständnissen. Einen allgemeingültigen Konsens an expliziter Sprache ist vor allem bei derart schwammigen Begriffen wie ‚Gefühle‘, ‚Vernunft‘, et cetera, wie sie eben in der Philosophie oft in Erscheinung treten, schwierig zu finden. Eine Taktik, die diebetreffenden Autoren dann teilweise fahren, ist, zu Beginn des Textes alle wichtigen Begriffe nochmals explizit zu klären und für die nachfolgende Schrift eindeutig festzumachen. Da dieses Verfahren allerdings in den Augen Vieler überflüssig und unnötigerweise zeit– sowie arbeitsaufwendig scheint, verzichten einige Verfasserinnen darauf und gehen von gewissen Dingen aus, ohne tatsächlich zu beachten, dass einige Leserinnen vermutlich verschiedene Grundvoraussetzung für die Textarbeit mitbringen und sich so auch die Erwartungen teils grundlegend voneinander unterscheiden.

Schriftsprache als Medium für Informationsaustausch hat darüber hinaus noch andere Nachteile. So geht beispielsweise überzeitliche Differenzen viel am eigentlichen Gehalt verloren. Hat man früher ‚toll‘ synonym zu ‚wahnsinnig‘ im pathologischen Sinne (siehe ‚Tollwut‘) benutzt, so ist es heute in weiten Teilen innerhalb des deutschen Sprachraumes als Synonym für ‚gut‘ anzutreffen. Bei einem Gespräch mit meiner Oma war dadurch vor einigen Jahren ein arges Missverständnis zustandegekommen, durch welches ich den kompletten Inhalt einer ihrer Aussagen ins Gegenteil umgekehrt verstanden hatte. Eine basale Bedingung für explizites Schreiben, und dieses ist es ja, was die meisten Verfasser ‚wissenschaftlicher‘ oder ‚akademischer‘ Texte für sich beanspruchen, ist also eine Klärung sämtlicher möglicherweise zu missverstehender Begriffe. Erst nachdem diese geklärt wurden, kann man von einem gegenseitigen Verstehen ausgehen.

Eine zweite Schwierigkeit ist der Umstand, dass die meisten Texte, mit denen wir in unserem Fachgebiet arbeiten, uns nicht in ihrer Originalsprache zugänglich sind. Nicht, weil es sie nicht gäbe, sondern mehr, weil die wenigsten Menschen einer anderen Sprache so mächtig wie ihrer Muttersprache sind. Es bedarf also stets einer dem Ausgangstext möglichst treugebliebenen Übersetzung, derer Korrektheit wir jedoch niemals mit letzter Gewissheitvertrauen sollten. Denn erstens ist es uns unmöglich, die Überlegungen des Übersetzers direkt nachzuvollziehen, wenn wir das Original nie gelesen haben, und zweitens kommt zusätzlich zu den sprachübergreifenden Schwierigkeiten noch die internen dazu, wie ich soeben bereits am Beispiel ‚toll‘ versucht habe zu erklären.

Die Intention jedoch ist klar. Ich will hier soeben nochmals das Gesagte zusammenfassen, um den Überblick zu wahren. So ist die hauptsächlich verwandte Arbeitsweise beim Verfassen philosophischer Texte das rein Argumentative, bei welchem jegliches emotionale Narrativ vernachlässigt wird. Dieses Verfahren hat zum großen Vorteil den Effekt, dass die Konzentration auf die inhaltliche Aspekte stark vereinfacht wird und zumindest scheinbar ablenkende Gedankengänge gar nicht erst aufkommen können. Eine Diskussion auf hohem akademischen Standard wird somit ermöglicht und ein neutraler Diskurs findet Raum, ohne sich auf eine persönliche Ebene ‚herablassen‘ zu können oder müssen, wie es umgekehrt bei emotional aufgeladener Sprache oft der Fall ist. Die Gefahr dabei ist allerdings, dass trotz der offensichtlichen Priorisierung expliziter Sprache genau diese vernachlässigt wird, wodurch sich leicht für Fehler anfälligere Formulierungen einschleichen können. Diese Gegebenheit ist vor allem durch die gar zu verwaschenen, in der Philosophie üblichen Begrifflichkeiten geprägt. Mit all diesen Vor- und Nachteilen im Hinterkopf hat sich allerdings in den letzten Jahrhunderten, teils schon Jahrtausenden, wenig an den Schreibtechniken der im wissenschaftlichen Bereich tätigen Philosophen geändert. Immer noch finden wir hauptsächlich neutrale, ausschließlich auf die kohärente Entwicklung des Arguments bedachteTexte.

3. Emotionaler Sprachgebrauch

Der Gegensatz zu denen im vorangegangenen Abschnitt entwickelten Gedanken begreift die Betrachtung von (philosophischen) Texten, die in einer den Emotionen näher stehenden Weise verfasst wurden, und welche oftmals eher in den Bereich der literarischen als wissenschaftlichen Werke gezählt werden. Als gutes Beispiel möchte ich hier den bereits im Vorwort genannten Text Adornos erwähnt haben, ‚Wozu noch Philosophie?‘, in welchem er meiner Auffassung nach sehr anschaulich genau das durchführt, von dem er gleichzeitig spricht, dass nämlich – im Gegensatz zu meinem Vorgehen in der vorliegenden Arbeit… – Form und Inhalt deckungsgleich sein sollten. Wenn also beispielsweise von Ästhetik die Rede ist, sollte der Text an sich ebenfalls einen ästhetischen Wert im literarischen Sinne aufweisen, ansonsten ist die Aussage an sich wertlos, da sie nicht mit der Form übereinstimmt. In diesem sehr konkreten Fall von Form-Inhalts-Deckungsgleichheit geht es genau darum, eben dass die Leserinnen durch das Lesen an sich bereits den durch die Sprache im Text zum Ausdruckgebrachten Inhalt begreifen können. Derartiges ist mit ‚wissenschaftlich und neutral‘ gehaltenen Texten undenkbar, schließlich haben diese den Anspruch, auf einer sprachlichen Metaebene keine weiteren Aussagen zu treffen, sondern einzig und allein Inhalt zu vermitteln. Dass diese Form dem Leser erst einmal nicht ganz so zugänglich scheint, wird klar, wenn man sich im Vergleich dazu die Texte ansieht, welche emotional nicht ganz so eiskalt bleiben wollten.

Unter emotionalen Narrativen verstehe ich beispielsweise das Entwickeln einer echten Geschichte mit verschiedenen Figuren, welche jeweils wiederum verschiedene Charakterzüge aufweisen, und am Ende der Geschichte kommt ein gewisser philosophischer Gehalt zum Tragen, der aber keineswegs explizit und Argument für Argument direkt so hingeschriebenwurde. Stattdessen verlässt sich der Autor auf ein gemeinsames Fühlen und dadurch auch Denken zwischen ihm selbst und dem Leser der Geschichte, sodass das Transportieren von Inhalten keiner wissenschaftlichen Darstellung mehr bedarf, sondern schlicht und ergreifend zwischen den Zeilen herausgelesen. Im besten Falle verbindet ein Schreibender beide Komponente und baut eine explizite, aber dennoch emotional ansprechenden Text, aber auf diese Option komme ich später noch eingehender zu sprechen. Hier an dieser Stelle will ich noch fix die Vor- und Nachteile der emotionaler Schreibarten ausarbeiten.

Um mit den negativen Folgen zu beginnen, greife ich einen eben schon ausgesprochenen Gedanken wieder auf. Nämlich die Überlegung, dass ohne neutralen Sprachgebrauch ein Inhalt nicht explizit, sondern nur indirekt vermittelt werden kann. Wenn wir annehmen, ein literarisches Werk wie beispielsweise ein Roman stelle von Seiten des Autors auf einmal Ansprüche die eigenen philosophischen Aussagen darin, könne man diesem sämtlicheAnsprüche entsagen, schlicht weil der Text sich nicht innerhalb der im akademischen Kontext ungeschriebenen Regeln bewegt, sondern darüber hinaus ebenfalls auf ein bestimmtes ästhetisches Auftreten Wert legt. Die Leserschaft soll sich das Lesen genießen können, wodurch auf einen gewissen Schreibstil verzichtet werden muss. Ein Mensch fühlt sich dann wohl, wenn man ihm mit ‚Wärme‘, sprich Emotionen begegnet. Bildhafte Sprache, persönliche Erfahrungen, mit Adjektiven und Umschreibungen ausgeschmückte Formulierungen suggerieren eine familiärere Atmosphäre zwischen dem Inhalt und dem Leser des Textes. Auf diese Art entsagen wir aber offensichtlich einer neutralen Ebene, die Persönliches außen vorbehält. Wir können nunmehr nicht gefühlskalt miteinander diskutieren und in der Argumentation spielen jetzt oftmals eigene Standpunkte mit hinein, die mit der Sache an sich eigentlich nichts zu tun haben. In einer akademischen Welt, in welcher ein philosophischer Text gewissen Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit genügen muss, um akzeptiert, ernstgenommen und auf Augenhöhe diskutiert werden zu können, ist solch ein Verfahren als tendenziell eher kontraproduktiv einzuschätzen. Einigen Menschen, wie Adorno oder Camus, wird dadurch selbst posthum noch der Status als Philosoph entzogen, da dieser ‚nur literarischer Autor‘ und jener ‚mehr Musiktheoretiker als philosophischer Wissenschaftler‘ war.

Das sei mal so dahingestellt. Wenden wir uns nun der Betrachtung einiger Vorteile von emotionaler Sprache zu. In Situationen, in denen der Verstand vielleicht mitgehen kann, das ‚Herz‘ – irgendetwas in uns – sich aber noch dagegen sträubt, den Sachverhalt als gegeben zu akzeptierten und wir als Zuhörer oder Leser etwas schlicht nicht ‚begreifen wollen‘, kann eine emotionale Schreibweise gute Dienste leisten. Ein gutes Beispiel dafür liefert Platon, wie ich im nachfolgenden Abschnitt noch erläutern möchte. An diesem Punkt hier sei nochmals klargestellt: Emotionen spielen beim Verständnis einiger Gedanken insofern eine Rolle, als diese teils durch neutrale Sprache nicht ganzheitlich erfasst und begriffen werden können. Wenn wir von Ungerechtigkeit als Prinzip sprechen, liegt ein volles Verständnis des Begriffs den meisten Menschen meiner Einschätzung nach näher, sobald mit handfesten Beispielen gearbeitet wird und die abstrakte Metaebene verlassen wird. Dadurch rückt allerdings die Gefahr der Verwaschung des eigentlich auszudrückenden Inhalts näher in Greifweite, schlicht weil auch die Gefühlswelt eines jeden Menschen, sei es Autor, sei es Leser, sich voneinander unterscheidet.

4. Geschichten in der Philosophie

Als letzten Teil dieser meiner Arbeit möchte ich an einem historischen Text aus der akademischen Philosophie beispielhaft beide Schreib- /Erzählweise aufdecken, über die ich bisher gesprochen habe. Hierbei beziehe ich mich auf den Dialog ‚Phaidon‘. Der Text beschreibt die Erzählung des Todes Sokrates‘ und das dem vorangegangene Gespräch zwischen Sokrates und seinen Freunden. Seine These besagt, dass die menschliche Seele unsterblich sei und er sich derart keine Sorgen um die Zeit nach seinem Ableben machen müsse. In verschiedenen Beispielen versucht er, diesen Umstand seiner Zuhörerschaft näherzubringen, stößt aber teilweise auf gewaltigen Widerstand und Unverständnis. Nachdem er eigentlich das gesamte Werk über teils verzweifelt versucht, auf rationaler Ebene den Inhalt mit logischen Mitteln zu vermitteln, schließt er seinen Vortrag mit der Erzählung eines Mythos, gemeinhin heutzutage auch als ‚Schlussmythos‘ bekannt.

Was Sokrates in diesem Mythos beschreibt, mag uns als ‚aufgeklärte Europäer‘ lachhaft erscheinen und nicht von der Unsterblichkeit unserer Seelen überzeugen, hatte damals, wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt, allerdings durchschlagenden Erfolg, weil es schlicht den eh schon verbreiteten Glauben des Volks im antiken Griechenland traf. Hier kann man auf zwei Gedanken, die ich oben schon aufbereitet hatte, einen schönen Rückbezug herstellen. Einmal die Idee, dass Geschichten voller Emotionen dann Erfolg haben damit, Inhalte weiterzugeben, wenn man auf der gefühlskalten Ebene der Logik nicht weiterkommt. Und zweitens zeugt dieses Verfahren davon, dass jeweils eine persönliche Komponente in dasbessere Verstehen eines Sachverhaltes mit hineinspielt. Wenn man sich kurz daran macht, diesen Fakt zu überdenken, wirkt er auch nicht mehr allzu überraschend, schließlich sind es unsere eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen, auf denen wir (vermeintliches) Wissen aufbauen und nach denen wir urteilen, sowie entscheiden. Erzählt uns dementsprechend eine Person etwas, und wir finden in unserem individuellen Fundus an Erlebnissen nichts, mit dem Erzähler oder Erzähltes in Resonanz gehen könnte, so fehlt uns jegliche Basis für ein wahrhaftiges Verstehen der Information. In den meisten Fällen kann man sogar davon ausgehen, dass im Gegenteil, wenn man von einem Umstand erfährt, der in keiner Weise in das bisher persönlich aufgebaute Weltbild passt, wir jenen erst einmal vollends abweisen und niedermachen möchten. Eine auf Resonanz aufbauende wird somit sehr viel eher Erfolg mit ihrer Überzeugungskraft haben, als eine vollkommen emotionslose Darstellung, zu welcher es einem fühlenden Wesen unmöglich gemacht wird, eine aussagekräftige Bindung aufzubauen.

An dieser Stelle ist es mir ein dringendes Anliegen, noch mal auf die in Kapitel II aufgemachte Option hinzuweisen, nämlich beide Verfahren miteinander zu verbinden. Die Schwierigkeit hierbei ist es, trotz bildhafter und eingängiger Darstellung eine explizite Sprache und stringente, logische Argumentation aufrechtzuerhalten. Eine Möglichkeit, wie man beides kombinieren könnte, scheint mir der philosophische Essay. Diese Schreibform, wie beispielsweise von Adorno im hier verwiesenen Schriftstück (‚Wozu noch Philosophie‘) angewandt, drückt auf eine logisch einwandfreie Art und Weise den Inhalt aus. Das heißt, die Argumentation bleibt explizit und in sich kohärent und dennoch – einfach ausgedrückt – macht es Spaß, sich diesen Text zu Gemüte zu führen. Die ästhetische Form wird beibehalten und das, ohne inhaltliche Abstriche machen zu müssen.

5. Fazit

Wenn der Anspruch an die Philosophie ein ganzheitlicher sein soll, nämlich auch außerhalb des akademischen ‚Elfenbeinturmes‘ Anklang und Gehör zu finden, beim ‚großen Haufen‘, wie Sokrates sich auszudrücken pflegte, so darf die Rolle der Emotionen in der Sprache nicht außer Acht gelassen werden. Ganz im Gegenteil ist es, wie soeben erläutert, von enormer Wichtigkeit, Persönliches und Gefühle im philosophischen Diskurs zuzulassen und vor allem auch auszudrücken sowie anzunehmen. Ein gefühlvoller Umgang widerspricht nicht demPrinzip vom Argumentieren auf einer Augenhöhe zwischen sämtlichen Teilnehmenden, dementgegen fördert er stattdessen das gegenseitige Verstehen nur umso mehr. Bedingung dafür ist dennoch eine explizite Sprache und gemeinsame Wissensgrundlage. Lasst uns also hoffen, dass auch Gefühle zukünftig Eingang zum Elfenbeinturm derPhilosophie finden dürfen.

Marburg, 15.09.2018

Literaturverzeichnis

– Nussbaum: „Narrative Emotions: Beckett’s Genealogy of Love“ – Martha Nussbaum. Erschienen in: Ethics, Vol. 98, No. 2 (Jan., 1988) – The University of Chicago Press

– Adorno: „Wozu noch Philosophie“ – Theodor W. Adorno. (https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PHI/003/Bilddateien/Adorno.PDF, Zugriff am 04.09.19 um 16:53)

– Platon: „Phaidon“ – Platon. Übs.v. Rudolf Kassner; 1979 – insel taschenbuch; Vertrieb durch Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Copyright: 1959 – Eugen – Diederichs – Verlag

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